Ausblick 2. Quartal 2022

Finanzmarktausblick 2. Quartal 2022

Konjunkturabschwung, jedoch keine globale Rezession

  • Erneuter Angebotsschock trübt Wachstumsperspektiven ein
  • Gewinnwachstum der Unternehmen sinkt – Preishausse bei den Rohstoffen
  • Starker Zinsanstieg an den Obligationenmärkten
  • Der EUR/CHF temporär auf Parität

Russlands Invasion in die Ukraine und - als Reaktion darauf - die in seltener Einigkeit beschlossenen Sanktionen der USA und EU gegen Russland, haben nicht nur die Energiepreise, sondern sämtliche Rohstoffpreise weiter in die Höhe getrieben. Im Gegensatz zur ersten Corona-Welle, als die Kombination aus gleichzeitig expansiver Geld- und Fiskalpolitik für eine rasche konjunkturelle Erholung sorgte, wird die Entwicklung diesmal zäher verlaufen. Der durch die stark angestiegenen Öl- und Gaspreise ausgelöste Angebotsschock wird die Weltwirtschaft, welche sich soeben von der Corona-Pandemie erholt, erheblich treffen.

Unsere Anlagepolititk

Unser Hauptszenario geht von einem länger anhaltenden Ukraine-Konflikt aus, der regional begrenzt bleibt und nicht weiter in NATO-Gebiet oder andere Länder eskaliert. Somit werden die Anleger sich auf andere Themen fokussieren. Die Rohstoffpreise bleiben vorerst auf hohem Niveau. In der zweiten Jahreshälfte rechnen wir mit (moderat) tieferen Preisen. Dadurch würde auch die Inflationsrate wieder deutlich sinken und die Notenbanken erhalten mehr Spielraum bei der Geld- und Zinspolitik.

Obligationen: Ausverkauf kommt zum Stillstand - starke Untergewichtung

Der bisherige Renditeanstieg an den Anleihemärkten impliziert bis zu sieben Leitzinserhöhungen der amerikanischen Notenbank (FED) von je 0.25% bis Ende Jahr. Wir halten diese Annahme für unrealistisch, da FED-Präsident Powell seine Geldpolitik spätestens dann wieder ändern wird, wenn der erwartete Wirtschaftsabschwung in den USA zu heftig ausfällt. Wir favorisieren Obligationen mit kurzen bis mittleren Laufzeiten und guter Qualität.

Aktien: Übergewichtung – aber defensivere Ausrichtung

Aufgrund der beständigen Gewinnwachstumsraten der Unternehmen und kurzfristig weiterhin tiefen Zinsen sind Aktien auch 2022 unsere bevorzugte Anlagekategorie. Geografisch setzen wir dabei auf die USA, Schweiz und Japan. Mit der eingeleiteten Normalisierung der Geldpolitik werden zudem «Value»-Aktien wieder interessanter.

Immobilien: Zinsanstieg führt zu tieferen Aufpreisen (Agios)

Der rasche und starke Zinsanstieg hat zu einem Rückgang der hohen Agios auf den börsenkotierten Immobilienfonds geführt. Damit sind die Bewertungen wieder auf ein «faires» Mass gesunken. Die Attraktivität hat aufgrund der im Vergleich zu Anleihen relativ hohen und stabilen Ausschüttungsquoten zugenommen. Unverändert raten wir zu einer Übergewichtung von Immobilienanlagen mit hohem Wohnanteil.

Edelmetalle und Rohstoffe: Preishausse hält an

Die Preishausse bei den Rohstoffen dürfte sich in den kommenden Monaten fortsetzen und damit den rohstoffexportierenden Ländern und dem weltweiten Energiesektor zu enormen Gewinnen verhelfen. Wir setzen hierbei auf die weiterhin attraktiv bewerteten Rohstoffaktien aus den Sektoren Gold/Goldminen und Basismetalle.

Währungen: Starker USD, schwacher JPY

Die steigende Zinsdifferenz zugunsten des USD infolge der eingeleiteten Normalisierung der Geldpolitik durch das FED dürfte den USD weiter stärken. Hingegen hat der JPY deutlich an Wert eingebüsst, da die japanische Notenbank an ihrer expansiven Geldpolitik unverändert festhält.

Alternative Szenarien für unsere Anlagestrategie

Die folgenden Szenarien beschreiben die aus unserer Sicht zwar möglichen, aber für uns wenig wahrscheinlichen wirtschaftlichen Entwicklungen. Die Szenarien geben einen Hinweis darauf, wie sich solche weniger wahrscheinlichen Entwicklungen auf unsere aktuelle Anlagestrategie auswirken würden.

Szenario 1: Eskalation Ukrainekrieg – “No Growth - High Inflation”

Im Negativ-Szenario eskaliert der Ukrainekrieg weiter und hält auf unbestimmte Zeit an. Der Roh-stoffpreisanstieg setzt sich fort, da die Sanktionen gegenüber Russland weiter verschärft werden, möglicherweise bis zu einem flächendeckenden Öl- und Gas-Boykott der westlichen Industrieländer. Entsprechend wird das globale Wirtschaftswachstum stärker als im Hauptszenario einbrechen, vor allem in Europa. Zudem steigen sowohl Inflation wie auch Zinsen. Dieses Umfeld löst eine starke Korrektur an den Aktienmärkten und auch der übrigen risikobehafteten Anlagekategorien (u.a. Unternehmensanleihen) aus. Die Stimmung der Marktteilnehmer wäre geprägt von Unsicher-heit und Stagflationsängsten.

Szenario 2: Stagflation - "Low Growth - High Inflation"

Möglich wäre auch eine Stagflation - eine Periode mit unterdurchschnittlichem Wirtschaftswachstum und anhaltend hoher Inflation - wie in den 70er Jahren nach dem 1. Ölpreisschock aufgrund der in Gang gesetzten Lohn-Preis-Spirale. Dies ist jedoch unwahrscheinlich, da die Gewerkschaften seither stark an Bedeutung eingebüsst haben. Ferner dämpfen technischer Fortschritt, Automatisation und Verlagerung in Billiglohnländer den Lohn- und Kostendruck der Unternehmen. Zudem ist heute die überwiegende Mehrzahl der Zentralbanken unabhängig von der Politik und der Preisstabilität verpflichtet. Aktienanlagen erleiden Buchverluste, bis die Unternehmensbewertungen (P/E) auf deutlich tieferen Niveaus angelangt sind. Immobilien und Obligationen sinken im Preis aufgrund der steigenden Zinsen.

Szenario 3: Zeitnaher Waffenstillstand in der Ukraine - "Moderate Growth - Lower Inflation"

Das positive (ökonomische) Szenario beinhaltet eine zeitnahe Verhandlungslösung, in welcher sichergestellt ist, dass sowohl die Ukraine in einer "akzeptablen" Form existieren kann und gleichzei-tig Russland vor weiterer militärischer Aggression zurückschreckt. In diesem Fall werden die Roh-stoffpreise fallen, da sich die sanktionsbedingte Lieferkettenproblematik langsam entschärft und die Preisausschläge aufgrund der aktuellen Unsicherheit sinken. Das weltweite Wirtschaftswachstum erholt sich relativ schnell, bei sinkendem Teuerungsdruck. Dadurch erhalten die Notenbanken mehr Spielraum in der Normalisierung ihrer Geldpolitik und die Zinsen steigen kaum mehr weiter an. Die Aktienmärkte setzen ihren Erholungstrend fort, begleitet von fallenden Kreditrisikoprämien bei Unternehmensanleihen.




Matthias Wirz, 31. März 2022