Ausblick 3. Quartal 2022

Finanzmarktausblick 3. Quartal 2022

Der Wachstumsausblick trübt sich ein - keine globale Rezession erwartet

  • Konjunkturabschwung, jedoch keine globale Rezession
  • Gewinnwachstum der Unternehmen als Stütze - Rohstoffe haben Zenit erreicht
  • Die Zeit des «billigen Geldes» ist vorbei
  • Die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit überraschender Leitzinserhöhung

Eine Vielzahl von Negativfaktoren - u.a. hohe Rohstoffpreise, Ukrainekrieg, Corona bedingte Lockdowns in China, Inflations- und Wachstumssorgen - bei gleichzeitig massiv höheren Zinsen belasten Aktienanlagen und Unternehmensanleihen seit Wochen gleichermassen. Zwar dürfte die Volatilität an den Aktienmärkten vorerst erhöht bleiben, doch sollten sich einige der negativen Treiber in den kommenden Monaten entspannen.

Unsere Anlagepolititk

Gemäss unserem Hauptszenario sprechen die Fakten zwar für einen erheblichen Rückgang der Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorjahr aber nicht für eine globale Rezession. Unverändert trifft eine - Corona bedingt - aufgestaute Nachfrage auf eine ausgeprägte Angebotsknappheit, insbesondere im Rohstoffbereich. In den USA herrscht Vollbeschäftigung und eine hohe Anzahl offener Stellen kann nicht besetzt werden, weshalb Befürchtungen um eine Lohn-Preisspirale laut werden. Dabei begibt sich die amerikanische Notenbank (FED) auf eine anspruchsvolle Gratwanderung, um die Inflationsrate zu senken, ohne die Wirtschaft in eine Rezession zu stürzen.

Obligationen: Starke Untergewichtung reduzieren

Der massive Zinsanstieg seit Anfang Jahr resultierte in Kursverlusten von je nach Laufzeit 5% bis 15%. Damit konnte diese Anlageklasse in den gemischten Portfolios die gleichfalls starken Kursverluste bei Aktien- und Immobilienanlagen nicht wie üblich abfedern. Aufgrund des auf rund 1.5% - 2.0% gestiegenen Zinsniveaus in CHF empfehlen wir Anleihen mit kurzen bis mittleren Laufzeiten und guter Qualität.

Aktien: Übergewichtung - defensive Märkte und Sektoren bevorzugen

Der Weltaktienindex (MSCI World) und der Schweizer Aktienmarkt (SPI) nehmen mit Kursverlusten von zwischenzeitlich rund 20% ein rezessionsähnliches Szenario vorweg. Trotz der sich abschwächenden Konjunkturdaten ist die Wahrscheinlichkeit dafür jedoch (noch) als gering einzustufen. Wir halten an der leichten Übergewichtung von Aktienanlagen fest und favorisieren die «defensiven Märkte» USA, Schweiz und Grossbritannien. Zudem sind die «Value»-Sektoren Gesundheit und Nahrungsmittel zu bevorzugen. Nach dem starken Kursrückgang von durchschnittlich 30% sind qualitativ gute IT-Aktien wieder kaufenswert.

Immobilien: Korrektur bei den kotierten Immobilienfonds

Wie erwartet haben sich bei kotierten Immobiliengefässen infolge des Zinsanstiegs die teilweise hohen Aufschläge zum inneren Wert zurückgebildet und resultierten in einem starken Kursverlust des Immobilienindex (SWIIT) von 15% seit Anfang Jahr. Zudem nimmt die relative Attraktivität zu Anleihen ab, da die Differenz zwischen Ausschüttungs- (2.8%) und Obligationenrendite (1.1%) deutlich abgenommen hat. Die fundamentalen Argumente für Immobilienanlagen - die hohe Nachfrage nach Wohneigentum und Mietwohnungen - bleiben jedoch unverändert intakt. Auf den aktuellen Bewertungsniveaus raten wir zu einem selektiven Ausbau der Immobilienanlagen.

Edelmetalle und Rohstoffe: Übergewichtung beibehalten

Die zu erwartende Erhöhung der Öl-Fördermengen wird zwar einen preisdämpfenden Einfluss erzielen. Dennoch werden die rohstoffexportierenden Länder und der weltweite Energiesektor auch künftig enorme Gewinnzuwächse verzeichnen. Wir setzen somit weiterhin auf attraktiv bewertete und im relativen Vergleich nachhaltig geführte Unternehmen aus dem Energie-, Rohstoff- und Goldminensektor.

Währungen: Starker USD, schwacher JPY

Die fortgeschrittene Normalisierung der Geldpolitik in den USA führt zu weltweit steigenden Zinsdifferenzen zugunsten des USD. Die zögerliche Geldpolitik der EZB und die weiterhin sehr expansive Geldpolitik der japanischen Notenbank (BOJ) sind weitere Argumente für eine Aufwertung des USD gegenüber EUR und JPY in den kommenden Monaten. Aufgrund der überraschenden Zinserhöhung der SNB gilt dies auch für den CHF, wobei wir hier gegenüber dem USD eine Seitwärtsbewegung erwarten.

Alternative Szenarien für unsere Anlagestrategie

Die folgenden Szenarien beschreiben die aus unserer Sicht zwar möglichen, aber für uns wenig wahrscheinlichen wirtschaftlichen Entwicklungen. Die Szenarien geben einen Hinweis darauf, wie sich solche weniger wahrscheinlichen Entwicklungen auf unsere aktuelle Anlagestrategie auswirken würden.

Rezession (tiefe Eintretenswahrscheinlichkeit)

In diesem Szenario dauert der Ukrainekrieg unvermindert an und hält dadurch die Rohstoffpreise auf hohem Niveau. Gleichzeitig bricht die bereits fragile Weltkonjunktur ein und führt zu einer deutlich rückläufigen Gewinnentwicklung der Unternehmen. Als Reaktion darauf sinken die langfristigen Staatsanleiherenditen, in der Erwartung, dass die Notenbanken ihre Geldpolitik erneut lockern. Weil die Risikoaversion der Marktteilnehmer in so einem Umfeld stark ansteigt, können tiefere Zinsen eine starke Korrektur an den Aktienmärkten und Unternehmensanleihen lediglich abdämpfen.

Fazit: Cash is King. Und langlaufende erstklassige Staatsobligationen

Stagflation (tiefe Eintretenswahrscheinlichkeit)

Wir erleben eine Periode mit unterdurchschnittlichem Wirtschaftswachstum und anhaltend hoher Inflation wie Ende der 1970er Jahre. Aufgrund der in den USA herrschenden Vollbeschäftigung könnte eine Lohn-Preis-Spirale einsetzen, welche die hohen Teuerungsraten verstetigt. Eine ähnliche Entwicklung wäre auch in Europa möglich. Da Gewerkschaften jedoch erheblich an Bedeutung eingebüsst haben, dürfte sich dieser Automatismus - wie er in den 70er Jahren stattfand - heute eher nicht mehr wiederholen. Ausserdem dämpfen der technische Fortschritt und die Arbeitsverlagerung in Billiglohnländer den Lohn- und Kostendruck der Unternehmen. In diesem Szenario ist mit weiter steigenden Leitzinsen und Obligationenrenditen zu rechnen, so dass auch die Aktienmärkte korrigieren, möglicherweise aber weniger stark als im Rezessionsszenario.

Fazit: Sachwerte wie Aktien und vor allem Immobilien sind zu bevorzugen.

Starker Konjunkturaufschwung (sehr tiefe Eintretenswahrscheinlichkeit)

In diesem Szenario lösen sich die globalen Belastungsfaktoren schneller auf als erwartet. Möglicherweise ergibt sich eine Verhandlungslösung im Ukrainekrieg, welcher die Rohstoffengpässe beseitigt, zu fallenden Energiepreisen und dadurch verzögert zu sinkenden Inflationsarten führt. Folglich hätten die Notenbanken wieder mehr geldpolitischen Spielraum, so dass die Leitzinsen nicht weiter erhöht werden müssen bzw. eventuell sogar gesenkt werden können. Gleichzeitig findet China wieder auf den Wachstumspfad zurück, da die Lockdowns zeitnah aufgehoben werden. In der Folge erholen sich die Aktienmärkte vollständig bis Ende Jahr, da die Wirtschaftsaktivität Fahrt aufnimmt und das allgemeine Zinsniveau tief bleibt.

Fazit: Aktienanlagen sind deutlich überzugewichten.



Matthias Wirz, 30. Juni 2022