Ausblick 3. Quartal 2023

Finanzmarktausblick 3. Quartal 2023

Weltwirtschaft im zyklischen Abschwung

  • Rezession in der Industrie schwappt auf Gesamtwirtschaft über
  • Zinshöhepunkt nahezu erreicht
  • Aktienmärkte erreichen teilweise sehr hohe Niveaus
  • Aufwertungstrend des Schweizer Frankens dürfte sich fortsetzen

Mittlerweile gilt es infolge der sich rapide verschlechternden Konjunkturindikatoren als gesichert, dass neben Deutschland auch die USA bis spätestens Ende Jahr in eine technische resp. milde Rezession abgleiten wird. Während dies im Industriesektor - gemessen am Einkaufsmanagerindex ISM - schon seit längerem der Fall ist, zeigt nun auch der bisher erstaunlich resiliente und für das Wirtschaftswachstum gewichtigere Dienstleistungssektor erste gröbere Schwächetendenzen. Dessen ISM-Index hat sich binnen weniger Monate von einem überdurchschnittlichen Niveau von 55.2 im Januar auf noch 50.3 im Mai zurückgebildet. Damit scheint sich der enge Zusammenhang zwischen (sinkender) Industrieproduktion und (fallendem) Wirtschaftswachstum in den USA erneut zu bestätigen, auch wenn sich der - konjunkturell nachhinkende - amerikanische Arbeitsmarkt weiterhin in einer ausgezeichneten Verfassung befindet. Dennoch ist zeitverzögert mit einer erheblichen Abkühlung in den nächsten Monaten zu rechnen.

Die Sorgen um einen tiefen Konjunktureinbruch nehmen auch in Europa stetig zu. So weisen die Einkaufsmanagerindizes für die Eurozone im Mai das stärkste Auseinanderklaffen zwischen der Stimmung in der Industrie und im Dienstleistungssektor seit 2009 aus. Im industrielastigen Deutschland wiederum ist der deutsche ifo-Konjunkturindex im Mai von 93.4 auf 91.7 gefallen, wobei vor allem die Erwartungskomponente stark nachgegeben hat und deshalb in den nächsten Monaten eine Rezession signalisiert. Bereits im ersten Quartal ist die deutsche Wirtschaftsleistung um -0.3 % im Quartalsvergleich gesunken, weshalb nach -0.5% im Vorquartal von einer technischen Rezession gesprochen werden kann. Neben dem kraftlosen privaten Konsum war letztlich der Einbruch der Staatsausgaben um 4.9% für die schwache Gesamtzahl verantwortlich. Letzteres sollte sich in den kommenden Quartalen nicht wiederholen, sodass sich für das Gesamtjahr keine tiefergehende, sondern eher eine milde Rezession abzeichnet.

Unsere Anlagepolititk

Nach wie vor gehen wir für die kommenden Monate von einer milden globalen Rezession aus. Zwingende Voraussetzung dafür ist zweifellos ein stetiger Rückgang der Kerninflationsraten, so dass der Zenit der Leitzinserhöhungen durch die Notenbanken zeitlich näher rückt. Die Übergewichtung der Aktienanlagen wird daher in den kommenden Monaten grundsätzlich beibehalten. Kurzfristig ist jedoch mit einer Konsolidierung zu rechnen, weshalb wir die Übergewichtung leicht reduzieren und Gewinne mitnehmen.

Obligationen:1-3 jährige Laufzeiten interessant

Kurzfristig ist aufgrund der rückläufigen Wachstums- und Inflationserwartungen nicht mit einem spürbaren Anstieg der langfristigen Zinsen zu rechnen. Aufgrund der stark inversen Zinsstrukturkurven in den Hauptwährungen CHF, EUR und USD bieten daher vor allem Unternehmensanleihen mit kurzen Restlaufzeiten und guter Bonität das beste Rendite-Risiko-Profil.

Aktien: leichte Übergewichtung

Wir empfehlen weiterhin die defensiven, konjunkturunabhängigen Sektoren Gesundheit, nichtzyklischer Konsum und Versorger. Die Technologie-Megacaps in den USA (Apple, Microsoft, Amazon, Tesla, Meta, Google und Nvidia) haben in diesem Jahr im Zuge der Euphorie um «Künstliche Intelligenz» (KI) bisher 85% zu den Kursgewinnen des S&P 500 beigetragen. Die Bewertungen haben dadurch teilweise sehr hohe Niveaus erreicht, weshalb über die Sommermonate mit einer (geringfügigen) Korrektur zu rechnen ist.

Immobilien: anhaltend attraktive Bewertung

Unverändert empfehlen wir börsenkotierte Immobilienfonds, deren Kurse in den letzten 12 Monaten stark gefallen sind. Der markante Zinsanstieg im letzten Jahr hat auch die «Agios» (Aufschlag des Börsenkurses auf den inneren Wert) von durchschnittlich über 40% (Ende 2021) auf aktuell noch rund 10% reduziert. Zudem haben hohe Verkaufsvolumina institutioneller Investoren in diesem relativ illiquiden Markt zu Ausverkaufspreisen geführt. Da zudem die langfristigen Zinsen seit Jahresbeginn wieder leicht gesunken sind, sind kotierte Immobilienfonds im historischen Vergleich günstig bewertet.

Edelmetalle und Rohstoffe: günstiger Ausblick für Basismetalle

Der Erdölpreis sollte sich infolge der durch die OPEC beschlossenen Förderkürzungen und der- trotz Rezessionsbefürchtungen - stetig steigenden Nachfrage auf dem aktuellen Niveau von ca. USD 70 halten. Erst wenn sich eine nachhaltige Preissteigerung abzeichnet, werden Energieaktien wieder interessanter. Während Basismetalle aufgrund der Energiewende langfristig günstige Perspektiven aufweisen, sollte Gold von anhaltend negativen Realzinsen und einem schwächeren USD profitieren.

Währungen: weitergehende Abwertung des USD und JPY möglich

Im Gegensatz zur EZB könnte die FED in den kommenden Monaten angesichts der raschen konjunkturellen Eintrübung von weiteren Leitzinserhöhungen absehen, was den USD weiter unter Abwertungsdruck setzen würde. Die anhaltend expansive Geldpolitik der BOJ führt zum gleichen Ergebnis für den JPY. Aufgrund der vergleichsweise tiefen Teuerung in der Schweiz dürfte sich der Aufwertungstrend des CHF gegenüber den wichtigsten Handelswährungen fortsetzen

Alternativszenarien zu unserer erwarteten Finanzmarktentwicklung

Die folgenden Szenarien beschreiben die aus unserer Sicht zwar möglichen, aber für uns weniger wahrscheinlichen wirtschaftlichen Entwicklungen. Die Szenarien geben einen Hinweis darauf, wie sich solche weniger wahrscheinlichen Entwicklungen auf unsere aktuelle Anlagestrategie auswirken würden.

Negatives Szenario: Rezession/Stagflation (Eintretenswahrscheinlichkeit mittel)

Da die Inflationsraten ohne Energie- und Nahrungsmittelkosten (Kernraten) länger auf einem für die Notenbanken zu hohem Niveau verharren, steigt die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale. Dies engt den geldpolitischen Spielraum der Notenbanken deutlich ein, und die Leitzinsen müssen weiter angehoben werden. Auch die langfristigen Renditen ziehen in diesem Szenario markant an, die inversen Zinsstrukturkurven bleiben bestehen. In der Folge gerät die Weltwirtschaft in eine Rezession, wobei die Wiedereröffnung der chinesischen Wirtschaft nur kurzfristig stützend wirkt. Daher weiten sich die Kreditrisikoprämien (niedrige Bonität) an den Anleihemärkten massiv aus, und es kommt zu einer scharfen Korrektur bei Aktienanlagen mit zweistelligen Kursverlusten.

Fazit: «sichere Häfen» wie Staatsanleihen (gute Bonität) und Gold, sowie die Währungen CHF und JPY sind zu bevorzugen.

Positives Szenario: rascher Aufschwung (Eintretenswahrscheinlichkeit sehr tief)

In diesem Szenario sinken die (Kern-)Inflationsraten aufgrund einer kurzfristig nachlassenden Wirtschaftsaktivität und damit weiter fallender Energiepreise rasch und in die Nähe des Zielbereichs der Notenbanken. Diese beginnen ihre Geldpolitik zu lockern, so dass Leitzinssenkungen bereits Ende dieses Jahres möglich sind. Gleichzeitig liefert die Wiederöffnung der chinesischen Wirtschaft die notwendigen Impulse für die Weltwirtschaft, so dass eine globale Rezession unwahrscheinlich wird. Im Gegenteil: Das allgemein sinkende Zinsniveau und die steigende Zuversicht von Industrie und Konsumenten führen zu einer raschen und nachhaltigen konjunkturellen Erholung.

Fazit: Aktien, risikobehaftete Anleihen und Rohstoffanlagen sind interessant. Auch indirekte Immobilienanlagen profitieren von den fallenden Zinsen.


Matthias Wirz, 30. Juni 2023