Die EU führt stillschweigend «Eurobonds» ein

Zusammenfassung

Nach der Ratifikation der Vertragsgrundlagen ist der EU-Wiederaufbaufonds in Umfang von EUR 750 Mrd. seit einigen Tagen operativ tätig. Die Finanzierung erfolgt über den Kapitalmarkt, wobei bereits im Juni eine erste Anleiheemission der EU über EUR 10 Mrd. lanciert wird. Bis zum Jahresende sollen weitere Emissionen in Höhe von EUR 80 Mrd. mit langer Laufzeit folgen.

Im kommenden Jahr dürften sodann Neuemissionen in der Höhe von bis zu EUR 150 Mrd. aufgelegt werden. Aufgrund der Haftung sämtlicher EU-Länder für ihre jeweilige Tranche entspricht die Finanzierung des Wiederaufbaufonds weitgehend der von Deutschland lange Zeit verhinderten «Eurobonds».

Aktuelle Situation

In dieser Woche erzielten europäische Aktien im weltweiten Vergleich wiederum eine überdurchschnittliche Performance, da die nun auf breiter Front angelaufene Impfkampagne in Europa eine schrittweise Öffnung der noch unter Lockdowns leidenden Ländern ermöglicht hat. Der im Mai von 53.8 auf 57.1 weiter angestiegene Einkaufsmanagerindex (PMI) bestätigt die Sicht der Finanzmärkte, dass sich der Konjunkturaufschwung derzeitig auch in der Eurozone beschleunigt fortsetzt. Dabei verzeichnete das Segment der Investitionsgüter bei Produktion und Aufträgen die stärksten Zuwachsraten. Die Lieferzeiten verlängerten sich erneut, wodurch sowohl die Einkaufspreise als auch die Verkaufspreise der Unternehmen deutlich zulegten. Der Anstieg der Preiskomponenten wird daher die Diskussion um höhere Inflationserwartungen intensivieren.

Die Finanzmärkte folgen allerdings weiter dem Narrativ der Europäischen Zentralbank (EZB), dass der Teuerungsschub vorübergehender Natur sei. Entsprechend geringfügig fiel die Marktreaktion auf die mit 2% - das höchste Niveau seit November 2018 - leicht über den Erwartungen liegende Inflationsrate in der Eurozone im Mai aus. Mit einem Plus von 13% im Vorjahresvergleich hatten die Energiepreise einen wichtigen Anteil am Anstieg der Gesamtrate. Jedoch bleiben die beständig niedrige Kerninflation von 0.9% im Jahresvergleich und die aufgrund der schwindenden Macht der Gewerkschaften kaum steigenden Löhne die Hauptargumente, weshalb die EZB die Entwicklung der Gesamtinflation als nur vorübergehend beurteilt.

In den USA bekräftigte James Bullard, Mitglied des Offenmarktkomitees der Notenbank (FED), dass die Situation am Arbeitsmarkt nach wie vor sehr angespannt sei und im Vergleich zum Vorkrisenniveau immer noch 8 Millionen Arbeitsplätze fehlen. Dazu verharrt die Unterbeschäftigtenrate (u.a. unfreiwillig Teilzeit Arbeitende) mit 10.4% im April auf anhaltend hohem Niveau. Damit dürfte die in den Medien wiederholt aufgekommene Debatte um eine Beendigung der Anleihekäufe («Tapering») abebben.

Unsere Empfehlung

An unserer vierteljährlich stattfindenden Sitzung des Anlageausschusses wurde die Übergewichtung der Aktien- und Immobilienanlagen zulasten der Anleihen erneut bestätigt. Die weltweit bereits kräftige Konjunkturerholung wird durch die ultraexpansive Geld- und Fiskalpolitik weiter befeuert und dürfte sich noch für längere Zeit fortsetzen. Bei gleichzeitig anhaltend tiefen Zinsen führt deshalb kein Weg an Sachwerten vorbei.

Taktische Positionierung

Obligationen: untergewichten; mittlere Laufzeiten bevorzugen, Unternehmensanleihen übergewichten
Aktien: leichte Übergewichtung; Schweiz, UK übergewichten USA und Japan neutral gewichten, Europa und Schwellenländer untergewichten
Währungen: USD/CHF über 0.90 und EUR/CHF über 1.10 teilweise absichern
Rohstoffe: Industriemetalle übergewichten
Edelmetalle: Gold neutral, Silber und Platin übergewichten
Immobilien: übergewichten (Anlagestiftungen, geschlossene Immobilienfonds)
Transaktionen: Aktien: - ;Obligationen: -
Themen: Sektoren Healthcare, Consumer Staples, Utilities


04.06.2021 / Matthias Wirz