Endlich sinkt die Inflationsrate!

Zusammenfassung

Die Äußerungen des amerikanischen Notenbankchefs Powell hinsichtlich einer langsameren Gangart bei den nächsten Zinsschritten hat den Obligationen- und Aktienmärkten nach einer kurzen Konsolidierungsphase diese Woche neuen Schub verliehen.

Powell kündigte nicht nur eine Verlangsamung der Leitzinserhöhungen von zuletzt 0.75% auf 0.50% am 14. Dezember an, sondern betonte, dass beim Kampf gegen die Inflation die Dauer der restriktiven Geldpolitik wichtiger sei als die absolute Höhe der Leitzinsen.

Aktuelle Situation

Die zurzeit in der Geldmarktkurve eingepreisten Leitzinserhöhungen bis Mitte 2023 erreichen knapp 5%. Nach einer zeitlichen Verzögerung von sechs Monaten signalisieren nun die jüngsten Konjunkturdaten in den USA, dass die vergangenen teilweise heftigen Zinsschritte ihre Wirkung auf die Konjunktur sukzessive entfalten. In der Tat sank der Einkaufsmanagerindex in der Industrie (ISM) im November überraschend stark von 50.2 auf 49.7. Hierbei verstetigt vor allem der Bestellungseingang seinen sinkendenden Trend und steht neu bei 47.2, dem tiefsten Wert seit der Corona-Krise im 2020.

In Europa verzeichnete die Teuerungsrate im November - zum ersten Mal seit Juni 2021 - einen Rückgang der Jahresrate von 10.6% auf 10.0%. Der niedriger als erwartete Wert ist auf sinkende Energie- und Lebensmittelpreise zurückzuführen. Noch ist nicht gesichert, ob es sich dabei bereits um eine nachhaltige Trendwende handelt. Die rückläufigen Preise bei Benzin, Heizöl und Diesel dürften aber spätestens ab Februar zu einem kräftigen Rückgang der Inflationsrate führen, da deutlich negative Basiseffekte zum Tragen kommen. Entsprechend ist nicht damit zu rechnen, dass sich die «Falken« im EZB-Rat am 15. Dezember mit der Forderung nach einem 0.75%-Zinsschritt durchsetzen werden.

In China mehren sich die Anzeichen, dass die «Null-Covid-Strategie» flexibler gehandhabt werden soll. Angesichts der laufenden Konjunkturabschwächung, ablesbar an der herrschenden Immobilienkrise und am weiter sinkenden chinesischen Einkaufsmanagerindex (von 49.0 auf 47.1 im Oktober), muss China hierfür eine zeitnahe Lösung finden. Am ehesten kommen dabei grossflächige Impfkampagnen mit wirksamen Impfstoffen in Frage.

Angesichts der sich für die kommenden zwei Wochen abzeichnenden Kältewelle in Westeuropa legen die Gas- und Strompreise erneut zu. Interessant ist dabei, dass sich die gesamte Forward-Kurve für den Gaspreis einheitlich nach oben verschiebt. Die Flachheit der Kurve signalisiert dabei, dass der Markt nicht von einer Entspannung im Sommer ausgeht, wenn die Gasspeicher wieder aufgefüllt werden müssen. Der aktuelle Gaspreis in Europa übersteigt den vergleichbaren amerikanischen Preis weiterhin um mehr als den Faktor 5, während beim Strom der Preis in Europa um den Faktor 4.5 über demjenigen in den USA liegt. Diese gewaltigen Preisunterschiede widerspiegeln die Energiekrise in Europa, welche die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen enorm belastet. Dies ist ein wesentlicher Grund, weshalb wir für die europäischen Aktienmärkte weniger zuversichtlich sind. Ausserdem sind die Gewinnerwartungen für 2023 zu hoch.

Unsere Empfehlung

Die zunehmende Erwartung, dass die Inflation nicht nur in den USA, sondern auch in der Eurozone den Höhepunkt überschritten hat, grenzt das Ausmaß von weiteren Leitzinserhöhungen ein und reduziert die Wahrscheinlichkeit einer tiefen Rezession. Dies ist einer der wesentlichen Gründe für den Rückgang der Kreditrisikoprämien in der Eurozone und in den USA. Entsprechend empfehlen wir den Aufbau von Unternehmensanleihen mit guter Bonität und kurzen Laufzeiten, die eine Rendite von 2% in CHF, 3% in EUR und bis zu 5% in USD erzielen. Bei Aktienanlagen bleiben wir vorerst unverändert übergewichtet und bevorzugen defensive, konjunkturunabhängige Sektoren sowie Technologieaktien. Je länger die Rallye andauert, desto mehr steigt zudem der Druck für Anleger mit hohen Cash-Beständen, Aktien zuzukaufen.

Taktische Positionierung

Obligationen: Untergewichtung; mittlere Laufzeiten bevorzugen, Unternehmensanleihen übergewichten
Aktien: Übergewichtung; Schweiz, USA und UK übergewichten; Japan neutral gewichten; Schwellenländer und Europa untergewichten
Währungen: USD/CHF über 0.95 teilweise absichern und EUR/CHF unter 1.00 weniger absichern
Rohstoffe: Industriemetalle übergewichten
Edelmetalle: Gold übergewichten; Silber und Platin neutral
Immobilien: Übergewichtung (Anlagestiftungen, Immobilienfonds)
Transaktionen: Aktien: - ; Obligationen: Kauf 1.95% Sonova 2030
Sektoren: Übergewichtung Gesundheit, nicht zyklischer Konsum, Versorger, Technologie
Untergewichtung Industrie, zyklischer Konsum
Themen: Basismetalle und Energie

02.12.2022 / Matthias Wirz