Ein Blick hinter die Kulissen - Sammlung Im Obersteg

Eine tolle, interessante und ungewöhnliche Ausstellung im Kunstmuseum Basel! Frau Hennriette Mentha (Kuratorin der Ausstellung) erläutert ihnen in diesem Interview wie es "hinter den Kulissen aussieht" und mit welchem enormen Arbeitsaufwand diese Ausstellung kuratiert wurde. Doch bevor Sie sich ins Interview vertiefen, empfehlen wir Ihnen sich virtuell von Frau Mentha durch die Sammlung führen zu lassen:
https://rebrand.ly/Kumu-ImObersteg.

Frau Henriette Mentha ist Kuratorin der Stiftung Im Obersteg sowie der Ausstellung Picasso, Chagall, Jawlensky des Kunstmuseums Basel und hat sich freundlicher Weise bereit erklärt ein kurzes schriftliches Interview mit der Trafina Privatbank AG zu führen:

Frau Mentha, wie lange dauerten die Vorbereitungsarbeiten für diese Ausstellung?

Im Sommer 2018 wurde die thematische Ausrichtung der Ausstellung sowie ihre Örtlichkeit im Kunstmuseum im 2. Obergeschoss des Neubaus festgelegt. Danach ging es ans Umsetzen, was wegen des kleinen Kernteams, das inhaltlich an der Ausstellung arbeitete, die nun folgenden eineinhalb Jahre beanspruchte. Zuerst arbeitete ich alleine am Projekt, mehrheitlich am Ausstellungskatalog, den ich in Form eines Sammlungsführers konzipierte. Nach acht Monaten erhielt ich Unterstützung durch den Ausstellungsassistenten Robert Knöll, der bis zur Eröffnung der Ausstellung ein 50% Pensum innehatte.

Als Thema der Ausstellung wählte ich den Dialog der Privatsammlung Im Obersteg mit der öffentlichen Sammlung des Kunstmuseums Basel. Der Basler Speditionsunternehmer Karl Im Obersteg (1883-1969) war viele Jahre in verschiedenen Kunstkommissionen der Stadt Basel engagiert, unter anderen in der Kunstkommission des Kunstvereins (Kunsthalle Basel) und in der Ankaufskommission des Kunstmuseums. Gewisse Erwerbungen des Museums sind direkt auf seine Vermittlungsarbeit zurückzuführen (Rodin, Maillol), bei anderen leistete er gar einen finanziellen Beitrag (Rousseau, Cézanne). Für seine Sammlertätigkeit fand Karl Im Obersteg in vielen Ausstellungen der Kunsthalle Inspiration. Andererseits waren seine persönlichen Kontakte zu Künstlern (z.B. Marc Chagall) wegweisend für das Zustandekommen so bedeutender Ausstellungen wie der frühen Retrospektive Chagalls in der Kunsthalle Basel (1933).

Welche Arbeitsschritte waren notwendig und wie muss man sich das vorstellen?

Die Ausstellung umfasste wie üblich verschiedene Bereiche, was sich auch im Entstehungsprozess niederschlug. Wegen der coronabedingten temporären Schliessung von Museum und Ausstellung realisierten wir ein zusätzliches Online-Angebot mit virtuellem Ausstellungsrundgang und einer Online-Führung. Beide Angebote sind über die Webseite des Museums abrufbar.

Die verschiedenen Arbeitsschritte

a. Konzept und Werkauswahl: Dabei handelte es sich um Werke der Sammlung Im Obersteg, des Kunstmuseums und des Kupferstichkabinetts sowie um einzelne Leihgaben von Dritten, die frühzeitig angefragt werden mussten. Bei den Leihgaben waren dies mehrheitlich Werke, die Karl Im Obersteg früher einmal besass, diese jedoch wieder verkaufte. Die wichtigsten Leihgaben waren Arlequin assis, 1923 von Pablo Picasso, Der Jude in Schwarz-Weiss Nr. 2, 1923 von Marc Chagall und Gelehrter und Mädchen, 1919 von Emil Nolde.

Die räumliche Disposition: sollen die Werke von über 35 verschiedenen Künstlern in den Räume verteilt werden? Welche Kapitel möchte man bilden, welche Geschichten erzählen? Aus der Vielfalt der künstlerischen Positionen definierten wir thematische Räume. Ein Leitsatz verbunden mit dem Wandtext informierte über den jeweiligen Inhalt eines Raumes. Mit den neun Ausstellungsräumen ergaben sich so neun verschiedene Themen, die relevant und aussagekräftig für die Sammlung Im Obersteg sind.

Historische Fotografien: Die stark vergrösserten historischen Aufnahmen gaben Einblicke in die verschiedenen Wohnsituationen des Sammlers und machten die Dimension des Privaten erlebbar.

Vitrinen: Die Stiftung Im Obersteg besitzt wertvolles dokumentarisches Material zu Sammlung und Sammler: Briefe, Dokumente, Zeitungsartikel, Fotografien, Objekte etc. Dieses Material gewährte Einblick in die verschiedenen Aktivitäten Karl Im Oberstegs und seine facettenreiche Persönlichkeit.

b. Das Vorbereiten der Exponate durch die Restauratoren.
c. Die Gestaltung der Ausstellungsräume: Ausstellungsarchitektur und Wandfarbe.
d. Das Einrichten der Ausstellung ist der letzte Schritt. Nun wird erst sichtbar, was angedacht und vorbereitet wurde: ein schöner, intensiver Moment.

e. Katalogpublikation: Die Stiftung Im Obersteg hat sich für die Herausgabe eines kompakten Sammlungsführers entschieden, der den Geschäftsmann und Sammler Karl Im Obersteg in den Fokus rückt. 40 leicht lesbare Bildbeschreibungen widmen sich 42 „Highlights“ der Sammlung und in elf längeren Textbeiträgen werden die neun prägnantesten Werkgruppen vorgestellt. Die Texte habe ich mehrheitlich selber verfasst, teils basierend auf unseren früheren Publikationen. Ich wurde unterstützt von der Historikerin Doris Huggel und dem Kunsthistoriker und Stiftungsratsmitglied Toni Stooss. Wichtig war auch die gute Zusammenarbeit mit dem Gestalter, dem Lektor, dem Übersetzer und der Druckerei.
f. Audioguide: Dieser wurde von einer externen Firma nach meinen Vorstellungen und anhand vielfältiger Unterlagen und Dokumente des Archivs der Stiftung Im Obersteg realisiert. Ziel war es, dem Besucher einen lebendigen Zugang zur Sammlung und ihrer Entstehungsgeschichte zu ermöglichen, angereichert mit interessanten Hintergrundinformationen.
g. Werbematerial zur Ausstellung.

Wie viele Mitarbeitende waren im Einsatz?

Inhaltlich bin ich als Kuratorin für die gesamte Ausstellung verantwortlich. Ich wurde tatkräftig unterstützt vom Ausstellungsassistenten Robert Knöll.

Bei der Realisierung waren auch die verschiedenen Abteilungen des Kunstmuseums involviert wie: Registrars (Versicherung und Transport); Restaurierung (Pflege der Werke und Zustandsprotokolle); Fotografie; Art Handling (Einrichten der Ausstellung etc.); Marketing und Kommunikation (Werbung etc.) und Bildung/Vermittlung sowie Programme. Im Hintergrund kamen gezielt auch weitere Mitarbeiter des Museums aus den Abteilungen Finanzen, Eventmarketing, Technischer Dienst und Sicherheit zum Einsatz.

Sehr wichtig sind zudem externe Players: etwa der grafische Gestalter der Wandtexte, Werklabels und Saalhefte, der Spezialist für die technische Installation eines Films und der Fachmann für das Farbkonzept der Wände.

Was war die grösste Herausforderung?

Als besonders herausfordernd, weil unerwartet und bedrohlich empfand ich den Konkurs der Druckerei „Die Medienmacher“ unmittelbar vor Drucklegung des Sammlungsführers, so dass wir innert Stunden eine andere Druckerei finden mussten, um die Publikation noch rechtzeitig zur Ausstellungseröffnung fertig zu stellen.

Auch technische Probleme bei der Anbringung der Text- und Fotofolien infolge der speziellen Wandfarbe waren herausfordernd für die Verantwortlichen.

Einen grösseren Arbeitsaufwand erforderten die Wandtexte, die die wesentlichen Inhalte vermitteln. Sie dürfen weder zu umfangreich noch zu knapp sein und sollten in einem harmonischen Verhältnis zu den Exponaten stehen.

Welches der gezeigten Werke ist Ihr Favorit?

Mein Favorit ist Pablo Picassos Meisterwerk Arlequin assis, 1923 (ehemals Sammlung Im Obersteg), das uns der heutige Besitzer ausnahmsweise ausgeliehen hat. Das Gemälde war bis zum Tod Karl Im Oberstegs im Jahr 1969 das Hauptwerk seiner Sammlung. Es musste leider zur Bezahlung der Erbschaftssteuer verkauft werden. Seither wurde das Bild nie mehr ausgestellt. Es war ein magischer Moment als dieses einzigartige Porträt in unserer Ausstellung nach 50 Jahren erstmals wieder für die Öffentlichkeit sichtbar wurde, platziert neben seinem „Bruder“, dem Arlequin des Kunstmuseums. Die beiden Gemälde, die sich immer noch in ihren ursprünglichen prächtigen Goldrahmen befinden, sind sich so nah und doch unterscheiden sie sich subtil voneinander. Dies liegt in technischen Finessen begründet, die Picasso in den beiden Werken virtuose demonstriert. So zeigt sich der Harlekin ganz menschlich in zwei Gemütsstimmungen: in melancholischer Nachdenklichkeit (Fassung Privatbesitz, ehemals Sammlung Im Obersteg) und stolzem Selbstbewusstsein (Fassung Kunstmuseum). Die Gegenüberstellung der beiden Bildnisse empfand ich als ausserordentlich bereichernd.

Auch die Entstehungsgeschichte der beiden Porträts ist faszinierend: Picassos Galerist Paul Rosenberg hatte die Bilder bereits 1921 beim Künstler bestellt. Von langer Hand plante er eine wegweisende Ausstellung Picassos in der New Yorker „Wildenstein Galleries“, die zu Beginn des Jahres 1923 den Künstler in den USA als modernen Meister des figurativen Klassizismus bekannt machen sollte. Interessanter Weise gelangten die beiden Hauptwerke dieser New Yorker Ausstellung jedoch nicht in amerikanischen Besitz sondern in Basler Privatsammlungen.

Liebe Frau Mentha, vielen Dank dass Sie sich Zeit genommen haben für dieses Interview. Es gibt den Leserinnen und Lesern einen interessanten und spannenden Einblick in den Werdegang dieser Ausstelllung sowie in die Sammlung. Die Trafina Privatbank AG wünscht Ihnen alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

*Die Trafina Privatbank AG ist schon seit mehreren Jahren Sponsor des Kunstmuseums Basel.

1.7.2020 / Nicole Biri