Picasso - El Greco: Interview mit Gabriel Dette

Picasso - El Greco: Interview mit Gabriel Dette

Ausstellungsansicht; Kunstmuseum Basel, Foto: Julian Salinas; © Succession Picasso / 2022, ProLitteris, Zürich

Rund 40 Gegenüberstellungen der Meisterwerke von Picasso (1881- 1973) und Doménikos Theotokópoulos (1541-1614), besser bekannt als El Greco, sind zur Zeit im Kunstmuseum Basel ausgestellt.

Herr Gabriel Dette, Mitkurator der Ausstellung wird Ihnen im nachfolgenden Interview einen Einblick in die Ausstellung geben und Sie erfahren interessante Details, was es alles brauchte damit diese internationale Ausstellung zustande kommen konnte.

Sehr geehrter Herr Dette, wie lange haben Sie an der Ausstellung gearbeitet?

Die Idee für dieses einzigartige Projekt ist bereits vor über 10 Jahren entstanden: Damals ist Carmen Giménez, unsere Gastkuratorin, erstmals mit dieser Idee auf Josef Helfenstein, den Direktor des Kunstmuseums, herangetreten; dies noch in Houston/Texas, als er dort Direktor der Menil Collection war. Die Vorbereitungszeit hier am Kunstmuseum Basel betrug insgesamt über vier Jahre. Das hört sich lange an, ist bei einem solchen Projekt aber nicht ungewöhnlich. Dies liegt natürlich auch an der besonderen Konzeption der Ausstellung: Da ausschliesslich Meisterwerke von Pablo Picasso neben solchen von El Greco gezeigt werden sollten, die jeweils zu den „Stars“ in ihren Sammlungen gehören, mussten potentielle Leihgeber:innen frühzeitig kontaktiert und von einer Zustimmung zur Ausleihe überzeugt werden. Wie man am Ergebnis sehen kann, ist dies zum Glück auch gelungen, obwohl die nicht vorhersehbaren, besonderen Umstände im Zuge der weltweiten Corona-Pandemie eine grosse Herausforderung darstellten.

Können Sie uns einen kurzen Blick hinter die Kulissen geben?

Im Kunstmuseum Basel gab es auf Kuratorenebene ein Kernteam, das aus Josef Helfenstein und mir bestand. Gemeinsam mit Carmen Giménez und ihrer Assistentin Ana Mingot in Madrid haben wir die Ausstellung Schritt für Schritt mit entwickelt und dabei langwierige und oft auch schwierige Verhandlungen mit den Leihgeber:innen aus Museen und Privatsammlungen weltweit geführt. Die in diesem Fall besonders aufwändige Abwicklung des Leihverkehrs wurde von unserer Registrar Monique Meyer koordiniert. In den letzten Monaten vor der Eröffnung wurden wir zudem bei Katalog und Ausstellungsgestaltung von meinen Kolleginnen Olga Osadtschy und Lara Baltsch tatkräftig unterstützt. Im Laufe der Zeit waren darüber hinaus nahezu alle Abteilungen im Kunstmuseum intensiv in die Vorbereitungen eingebunden, um dieses Grossprojekt zu realisieren und später einen möglichst reibungslosen Ablauf für unsere Besucher:innen zu gewährleisten. Dies ist grundsätzlich bei jedem grösseren Projekt der Fall, wird aber in der Aussensicht oft nicht wahrgenommen. Für Picasso-El Greco gab es gerade in dieser Hinsicht einige besondere Herausforderungen zu bewältigen: So wurde etwa der Shop im Neubau für die Dauer der Ausstellung aus dem Erdgeschoss ins erste Obergeschoss verlegt.

Gab es spezielle Momente, welche in Erinnerung bleiben werden?

Spezielle Momente gab es bei diesem Projekt viele: Jede Zusage eines wichtigen Werkes war ein solcher. In besonderer Erinnerung werden aber sicherlich die Kontakte zu kirchlichen Einrichtungen in Spanien bleiben, wo sich nach wie vor viele Werke El Grecos befinden.

Da diese, anders als Museen, nicht daran gewöhnt sind, ihre Kunstschätze ohne weiteres für Ausstellungen auszuleihen, waren hier Kontaktaufnahme und Verhandlungen manchmal eine besondere Herausforderung. Die exzellente Vernetzung unserer Kuratorin Carmen Giménez und die tatkräftige Hilfe durch Unterstützer:innen vor Ort haben uns hier sehr geholfen. In einigen Fällen mussten dabei auch Interessen berücksichtigt werden, die im Ausstellungsbetrieb sonst kaum eine Rolle spielen, etwa die Bedenken der Mitglieder einer Kirchengemeinde oder des zuständigen Bistums. Insofern waren gerade diese Kontakte besonders interessant, und wir durften dabei einige wunderbare Menschen kennenlernen.

Zum anderen zählt hierzu natürlich die bereits erwähnte Corona-Pandemie, deren Auftreten im Frühjahr 2020 auch für die Museen weltweit einen grossen Einschnitt bedeutete. Dadurch kam es nicht nur zu temporären Schliessungen der Sammlungen für Besucher:innen, sondern in vielen Ländern auch zu gravierenden Auswirkungen auf die interne Organisation der Institutionen, etwa durch Personalabbau. Hiervon war nicht zuletzt der Leihverkehr betroffen: mehrere bereits zugesagte Leihgaben standen plötzlich wieder auf der Kippe, während andere nun wegen COVID beziehungsweise der unvorhersehbaren weiteren Entwicklungen abgelehnt werden mussten. Da die Gegenüberstellungen in unserer Ausstellung sehr spezifisch und exakt aufeinander abgestimmt sind, war durch jede Absage eines Picassos auch das geplante „Gegenstück“ von El Greco betroffen und umgekehrt. Eine Zeit lang waren wir daher nicht sicher, ob die Ausstellung überhaupt würde stattfinden können. Mit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine Ende Februar dieses Jahres gab es ein weiteres einschneidendes Ereignis, dessen Auswirkungen auf unser Projekt zunächst nicht abzuschätzen war. Durch die grossartige Unterstützung unserer Kolleg:innen weltweit konnten wir die Ausstellung schliesslich aber trotz aller Hindernisse realisieren, auch wenn wir um manche Leihgabe noch bis kurz vor Eröffnung kämpfen mussten.

Was fasziniert Sie an dieser Ausstellung persönlich am meisten?

Zunächst ist es die schiere Fülle an Meisterwerken, die uns für dieses Projekt anvertraut wurden: Fast jedes der gezeigten Werke gehört zu den Höhepunkten in ihren jeweiligen Sammlungen, und es ist ein grosses Privileg, sie nun für eine begrenzte Zeit in Basel versammelt zu sehen.

Darüber hinaus bietet sie aber auch eine Schule des Sehens, die für Besucher:innen die Möglichkeit zu eigenständigen Entdeckungen bietet. Auch wenn viele unter ihnen sicherlich schon viel über Pablo Picasso wissen und sich möglicherweise sogar fragen, was es hier im Jahr 2022 noch Neues zu entdecken gibt, bin ich sicher, dass sie diesen Künstler und einige seiner Werke nach dem Ausstellungsbesuch mit anderen Augen sehen werden. Das gilt ebenso für El Greco, bei dem auch ich als Mitarbeiter der Altmeister-Abteilung durch die Ausstellung viele neue Aspekte entdecken konnte.

Welches der gezeigten Werke ist Ihr Favorit?

Diese Frage überfordert mich regelmässig – eigentlich gibt es in jedem Raum der Ausstellung Gegenüberstellungen zu entdecken, die hierfür in Frage kommen, und die Antwort ändert sich bei mir fast täglich. Um trotzdem ein paar Beispiele zu geben: Ein besonders faszinierendes Kapitel ist natürlich Pablo Picassos künstlerische Verarbeitung des Selbstmords seines engen Freundes Carles Casagemas im Jahr 1901, der zur Entstehung der sogenannten „Blaue Periode“ führt. Für sein Gemälde Evokation (Das Begräbnis des Casagemas) von 1901, einem der Hauptwerke dieser Phase, orientiert er sich in Komposition und Figurenbildung eng an Werken wie El Grecos Anbetung des Namens Jesu, das über 300 Jahre früher entstanden ist. Nach langen Verhandlungen durfte es aus dem Escorial bei Madrid nach Basel reisen. Diese beiden Gemälde miteinander zu vergleichen und dabei sowohl Gemeinsamkeiten wie Unterschiede zu entdecken, ist ein absoluter Höhepunkt der Ausstellung – aber wie angetönt eben nur einer unter vielen. Genauso gerne vertiefe ich mich in den Vergleich zwischen El Grecos Apostelbildnissen aus Toledo und Werken Picassos aus der Phase des analytischen Kubismus um 1910 im vorletzten Raum der Ausstellung – eine Gegenüberstellung, die viele Besucher:innen überraschen wird, auf die es sich einzulassen aber unbedingt lohnt. Nicht weniger spannend ist es auch, zu beobachten, wie intensiv sich Picasso am Ende seines Lebens mit den Alten Meistern beschäftigt, mit ihnen in einen Dialog tritt und sich geradezu an ihnen abarbeitet – auch hierfür gibt es herausragende Beispiele zu entdecken.

Was würden Sie den Besucher:innen der Ausstellung besonders empfehlen?

Während bei einigen der Gegenüberstellungen sich die Gemeinsamkeiten auf den ersten Blick erklären, hat es auch andere, bei denen dies weniger offensichtlich ist. Daher empfehle ich allen Besucher:innen, sich offen darauf einzulassen und selbst auf die Suche nach möglichen Übereinstimmungen, aber auch nach Unterschieden zu gehen. Bei dieser „Schule des Sehens“ gibt es dabei strenggenommen kein „richtig“ oder „falsch“. Die Ausstellung soll vor allem die Innovationskraft künstlerischer Inspiration und Kreativität und ein von Picasso mit El Greco über die Jahrhunderte hinweg geführtes Gespräch vor Augen führen, ohne dabei in jedem Fall eine direkte und bewusste Verbindungen zwischen den gegenübergestellten Meisterwerken behaupten zu wollen.



Nicole Biri, 11. Juli 2022


*Die Trafina Privatbank AG ist schon seit mehreren Jahren Sponsorin des Kunstmuseums Basel.