«KI treibt US-Aktien auf neue Höchststände.» Matthias Wirz
Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner
«KI treibt US-Aktien auf neue Höchststände.» Matthias Wirz, Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner
Der Iran-Krieg hat in den letzten Wochen zwar deutlich an Intensität verloren, dennoch führen die USA wiederholt defensive Luftschläge aus und verhängen neue Sanktionen.
Während die Lage entsprechend fragil bleibt, gehen die Märkte von einem zeitnahen Ende des Kriegs und einer Öffnung der Strasse von Hormus aus. Unverändert stellen die kritischen Punkte in den Verhandlungen die Beendigung des iranischen Nuklearprogramms und die Aushändigung des hochangereicherten Urans dar. Darüber hinaus soll die Strasse von Hormus ohne Mautgebühren zeitnah geöffnet werden.
Die Aussicht auf eine 60-tägige Verlängerung der seit Anfang April bestehenden Waffenruhe trieb die amerikanischen Börsen zwischenzeitlich auf neue Rekordhochs. Insbesondere die Technologiebörse Nasdaq setzt ihren Rekordkurs unvermindert fort, gestützt durch die hohen Umsatz- und Gewinnwachstumsraten der Unternehmen. Die Gewinne der S&P 500-Unternehmen sind 2025 im Durchschnitt um über 22% angestiegen, für 2026 werden 15% erwartet. Allein Nvidia dürfte seinen Umsatz von USD 130.5 Mrd. 2025 bis Ende 2027 auf USD 386.4 Mrd. verdreifachen und den Gewinn vor Steuern bei einer Marge von 66% auf USD 250 Mrd. erhöhen! Auch «kleinere» Unternehmen aus dem Technologiesektor, wie zum Beispiel Dell, verzeichnen einen hervorragenden Geschäftsverlauf und Ausblick, sodass der Kurs in der Berichtswoche um 50% angestiegen ist.
Auf der Makroebene driftet das Wirtschaftswachstum zwischen den USA und dem Rest der Welt kontinuierlich auseinander. Zwar wurde das Wirtschaftswachstum im 1. Quartal infolge des schwächeren privaten Konsums von 2.0% auf 1.6% nach unten revidiert. Doch zeigt sich der Arbeitsmarkt in robuster Verfassung und die Bestellungseingänge dauerhafter Konsumgüter nehmen weiter zu. Ausserdem hat der Iran-Krieg bisher die Inflationserwartungen nur geringfügig erhöht, wie die überraschend tiefe Kerninflationsrate von 0.2% (2.40% annualisiert) signalisiert. Offensichtlich schlagen sich die markant höheren Produzentenpreise (noch) nicht in Zweitrundeneffekten, insbesondere über kräftige Lohnsteigerungsraten, nieder. Dennoch erreichte die «Headline»-Teuerungsrate mit 0.4% (4.90%) – getrieben von um 5.5% höheren Benzinpreisen – ein Dreijahreshoch. Dementsprechend dürfte die amerikanische Notenbank (FED) in diesem Jahr ihren Leitzinssatz kaum mehr senken.
Demgegenüber herrscht in Europa allgemeine Tristesse: das Konsumentenvertrauen in Frankreich sank im Mai auf 82 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit März 2023. Die privaten Haushalte zögern mit Neuanschaffungen und erhöhen ihre Sparneigung. Entsprechend rutschte die Wirtschaft im ersten Quartal mit −0.1% in eine (leichte) Rezession, gebremst von schwächerem Konsum und fallenden Bauinvestitionen. Dagegen bildete sich die monatliche Inflationsrate trotz des anhaltenden Energiepreisschocks auf 0.1% zurück.
Auch in Deutschland bleibt die wirtschaftliche Aktivität schwach: die Wachstumsprognose für 2026 wurde vom Sachverständigenrat von 0.9% auf 0.5% nahezu halbiert, für 2027 werden ebenso magere 0.8% erwartet. Als Hauptgründe hierfür werden der Iran-Krieg und die US-Zollpolitik genannt. Die Teuerungsrate wird für 2026 bei 3.0% und für 2027 bei 2.8% gesehen, ausserdem steigt die Kerninflation von 2.4% (2026) auf 2.9% (2027). Der Sachverständigenrat nennt zudem strukturelle Fehlentwicklungen: das dritte Jahr in Folge fallende Warenexporte, rückläufige private Investitionen, eine stagnierende Industrieproduktion und nachlassende Wettbewerbsfähigkeit deutscher Industriegüter auf dem Weltmarkt.
Die Europäische Zentralbank (EZB) wird sich deshalb gut überlegen müssen, ob sie die Konjunktur mit Leitzinserhöhungen - infolge der energiebedingt höheren Teuerungsraten - zusätzlich schwächen will. Oder aber die EZB schätzt den Inflationsschub als temporär ein und verzichtet auf Zinserhöhungen. In ihrem halbjährlichen Finanzstabilitätsbericht zeigt sie sich zudem besorgt über die hohen Bewertungen an den Finanzmärkten. Stetig steigende Budgetdefizite und hohe Schuldenstände in einigen Euro-Ländern geben gleichfalls Anlass zur Sorge. Darüber hinaus gefährden strukturelle Herausforderungen wie Digitalisierung, schwaches Produktivitätswachstum, alternde Bevölkerungen und Klimawandel den Produktionsstandort Deutschland. Auch den letzten Trumpf, die niedrigen Zinsen, scheint Deutschland zu verlieren: die Zinssätze für Neukredite liegen über ihren langjährigen Durchschnitten und werden zunehmend zur Belastung für die Unternehmen.
In der Asset Allokation setzen wir trotz aller geopolitischer Probleme, aussergewöhnlich hohen Energiepreisen und anspruchsvoller Bewertung auf eine leichte Übergewichtung der Aktienanlagen zu Lasten Liquidität und Obligationen. Als Gründe hierfür sind das hohe Gewinnwachstum der Unternehmen, die wachstumstreibenden Investitionen in KI, die steigenden Staatsausgaben (in Infrastruktur) und das weltweit noch immer moderate Zinsniveau zu nennen. Während die ersten zwei Gründe vor allem für den von uns favorisierten US-Markt gelten, zeichnet sich der schweizerische Aktienmarkt durch eine – gemessen an der Risikoprämie von 4.75% - historisch unterdurchschnittliche Bewertung aus. Wir bevorzugen grosskapitalisierte Titel aus dem SMI, wie zum Beispiel Novartis, Nestlé, ABB, UBS, Givaudan und Holcim.
Allerdings gilt es die Anlagerisiken, welche von der hohen Bewertung des US- Technologieaktien ausgehen, zu beachten. Die Börsenrallye ist in diesem Jahr bisher von relativ wenigen Technologie-, Halbleiter- und Energieaktien getrieben. Demzufolge hat die Marktbreite deutlich abgenommen, worunter vor allem die Sektoren nicht-zyklischer Konsum und Gesundheit litten. In einem risikokontrollierten Anlageprozess - wie ihn die Trafina Privatbank verfolgt – sollten daher überdurchschnittliche Gewinne in einer Anlagekategorie, in einer Region, einem Sektor oder auf Titelebene regelmässig realisiert werden (Rebalancing). Dadurch werden risikobehaftete Positionen in «Boomphasen» nicht laufend erhöht, sondern diszipliniert, regelbasiert und daher ohne Prognosetätigkeit wieder ausbalanciert.
Obligationen: Untergewichtung; 4 – 8-jährige Laufzeiten bevorzugen
Aktien: Leichte Übergewichtung; Schweiz bevorzugen, Rest der Welt neutral
Währungen: USD/CHF über 0.80 absichern; EUR/CHF über 0.94 absichern
Rohstoffe: Industriemetalle übergewichten
Edelmetalle: Gold übergewichten, Goldminenaktien attraktiv
Immobilien: Übergewichtung (Anlagestiftungen, Immobilienfonds)
Transaktionen: Aktien:- ; Obligationen: -
Sektoren: Übergewichtung Gesundheit, nicht-zyklischer Konsum, Versorger.
Matthias Wirz, 01. Juni 2026