«Technologieaktien unter Druck» Matthias Wirz
Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner
«Technologieaktien unter Druck » Matthias Wirz, Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner
Noch Mitte September hat der USD-Geldmarkt im Oktober eine Leitzinserhöhung durch die amerikanische Notenbank (FED) eingepreist. Mit dem erfolgten Renditeanstieg am langen Ende der Zinskurve von 4.4% Ende Juni bis auf 5.3% Ende September hat der Anleihenmarkt den nächsten erwarteten Zinsschritt sukzessive auf Dezember verschoben. Tatsächlich hat die FED beim jüngsten Meeting am 28. Oktober auf eine Zinserhöhung verzichtet. An der Pressekonferenz nach der Sitzung zeichnete der FED-Vorsitzende Kevin Warsh das Bild einer robusten Konjunktur. Demgemäss weiten sich die rekordhohen Investitionen des Technologiesektors auf weitere Sektoren aus und verhelfen der US-Wirtschaft zu erheblichen Produktivitätsgewinnen. Die Bestätigung hierfür lieferte das vorläufig geschätzte Wirtschaftswachstum für das 3. Quartal, das sich vor allem aufgrund der dynamischen privaten Investitionstätigkeit in KI auf 3.4% beschleunigte, verglichen mit noch 2.2% im 2. Quartal. Der Aussenbeitrag (Exporte minus Importe) verzeichnete hingegen einen negativen Beitrag. Gleichzeitig nahm der Teuerungsdruck wieder zu, sodass der FED-Chef erneut ein Bekenntnis zur Preisstabilität abgab und betonte, dass die Finanzierungsbedingungen für die Wirtschaft zwischenzeitlich straffer geworden sind.
Die Finanzierungsbedingungen bleiben auch am Markt für Unternehmensanleihen das gegenwärtig beherrschende Thema, da sich die Risikoprämien für Hochrisikoanleihen (High Yield Bonds) in den letzten Wochen spürbar erhöht haben. Vor allem der hohe Kapitalbedarf der «Hyperscalers» tritt zunehmend in Konkurrenz zum ungebrochen steigenden Kapitalhunger des US-Bundestaates infolge seiner rasant steigenden Schuldenlast. Entsprechend sind die realen Renditen in den vergangenen Monaten deutlich angestiegen und belasten zunehmend die Bewertungen derjenigen KI-Unternehmen mit hoher Verschuldung und erst in weiter Zukunft liegenden Gewinnen.
In der laufenden Berichtssaison zum dritten Quartal haben in den USA bisher rund 80% der Unternehmen die inzwischen hohen Erwartungen übertroffen. Allerdings ist die Fallhöhe beträchtlich, wenn sich Enttäuschungen einstellen. Das hat Alphabet (Google) mit einem Kursverlust von über 10% erfahren müssen, nachdem der Umsatz enttäuschte und der freie Cashflow aufgrund anhaltend hoher Investitionen im dritten Quartal überraschend auf USD -9 Mrd. sank. Dagegen überzeugte Microsofts Zahlenkranz dank des stark wachsenden Cloud-Geschäfts und niedriger als erwarteten Investitionsausgaben.
Amazon und Intel wiederum bestätigten die Marktreaktion der letzten Woche: bleiben die Resultate auch nur geringfügig unter den Erwartungen folgt eine harsche Kursreaktion. Zudem werden weiter steigende Investitionsausgaben äussert kritisch betrachtet. Amazon (AMZN) steigerte den Umsatz im dritten Quartal zwar um 12% auf USD 202 Mrd., blieb damit aber unter den Erwartungen. Ausserdem führten anhaltend hohe Investitionen zu einem negativen freien Cashflow. Der Kurs von AMZN verlor darauf gut 6%. Intel (INTC) übertraf die Gewinnerwartung, enttäuschte aber mit dem Umsatzausblick. Hierfür sind die gestiegenen Preise für Speicherchips und Lieferengpässe verantwortlich. Der Kurs von INTC, die sich in diesem Jahr mehr als verdoppelt hat, fiel danach um fast 30%.
In der Eurozone hat die Europäische Zentralbank (EZB) wie erwartet die Leitzinsen unverändert belassen. Präsidentin Lagarde begründete die Zinspause mit fehlenden Zweitrundeneffekten auf die Löhne, obwohl die Teuerungsrate für längere Zeit über der Zielrate von 2% verharren dürfte. Der EUR-Geldmarkt geht in den nächsten Monaten dennoch von einer weiteren Leitzinserhöhung von 0.25% aus, da sich der Konjunkturaufschwung verfestigt und mittlerweile auch Deutschland erfasst hat. Hingegen ist das Wirtschaftsvertrauen im Oktober erneut von 97.5 auf 96.9 gesunken und befindet sich damit noch immer unter dem langjährigen Durschnitt von 100.70. Die EZB muss ausserdem bei ihren nächsten Treffen berücksichtigen, dass sich die Finanzierungsbedingungen für die Unternehmen – ähnlich wie in den USA – zuletzt verschärft haben.
Die anstehenden US-Zwischenwahlen werden voraussichtlich zu einer Niederlage der Republikaner führen, wobei neben dem Repräsentantenhaus möglicherweise auch der Senat an die Demokraten fallen könnte. In jedem Fall werden die Freiheitsgrade der Regierung Trump deutlich eingeschränkt werden, sodass die Wirtschaftspolitik weniger erratisch ausfallen sollte. Die Finanzmärkte dürften auf eine mögliche Wende in der Wirtschaftspolitik freundlich reagieren.
Da sich die weltwirtschaftliche Lage in den vergangenen Monaten trotz der enorm hohen Energiepreise und ernsthaften geopolitischen Risiken weiter verbessert hat, setzen wir weiterhin auf die Übergewichtung von Aktienanlagen gegenüber Cash und Anleihen. Ausserdem ist bis Ende Jahr mit der Fortsetzung der seit Sommer laufenden Sektorrotation zu rechnen. Deshalb sind vor allem diejenigen Märkte und Indizes zu bevorzugen, auf denen Substanzwerte (Value) stark vertreten sind, wie zum Beispiel in der Schweiz (SPI), in Grossbritannien (FTSE) oder in den USA (Dow Jones). Zu Value zählen insbesondere die Sektoren Gesundheit (Pharma), Energie, nicht-zyklischer Konsum und Versorger. Die hoch bewerteten Wachstumstitel (Growth), welche den Technologiesektor dominieren, dürften ihren langfristigen Aufwärtstrend erst wieder aufnehmen, wenn sich die Inflationsrate in den USA von aktuell 3.7% zurückbildet und in der Folge die Leitzinserwartungen zu sinken beginnen.
Des Weiteren sind 5-jährige Obligationen auf dem höheren Zinsniveau von 3.4% in EUR und 4.5% in USD wieder interessanter geworden, weil dadurch ein besserer Schutz gegenüber allfällig steigenden Renditen geboten wird. Für CHF-Anleihen gilt dies mit einer laufenden Rendite von rund 1% weniger, dafür ist das Risiko anziehender Zinsen angesichts der beständig tiefen Inflationsrate geringer.
In der Schweiz sind dagegen indirekte Immobilienanlagen zu empfehlen, insbesondere kotierte Immobilienfonds, deren Aufpreis gegenüber dem inneren Wert (Agio) zuletzt erheblich gesunken sind.
Obligationen: Untergewichtung; 4 – 8-jährige Laufzeiten bevorzugen
Aktien: Leichte Übergewichtung; Schweiz bevorzugen, Rest der Welt neutral
Währungen: USD/CHF über 0.80 absichern; EUR/CHF über 0.94 absichern
Rohstoffe: Industriemetalle übergewichten, Kupfer
Edelmetalle: Gold übergewichten, Goldminenaktien attraktiv
Immobilien: Übergewichtung (Anlagestiftungen, Immobilienfonds)
Transaktionen: Aktien:- ; Obligationen: - Sektoren: Übergewichtung Gesundheit, nicht-zyklischer Konsum, Versorger.
Matthias Wirz, 02. November 2026