Basel und der Rhein gehören zusammen wie Sommer und Sonne. Und jeden Sommer kommen Basel und der Rhein mit dem FLOSS noch ein bisschen näher zusammen. Seit Jahrzehnten bringt das FLOSS Musik, Menschen und Momente auf den Rhein und in die Stadt. Es ist frei zugänglich, offen, nahbar. Ein Ort, an dem Basel sich selbst begegnet. Entspannung, Leichtigkeit, Good Vibes. Ferienatmosphäre pur.
Im Gespräch mit Tino Krattiger (TK), dem Initiator des FLOSS, und Gaetano Florio (GF), verantwortlich für das musikalische Line‑up, wird sichtbar, wie viel Leidenschaft, Handwerk, Mut und Navigationskunst hinter diesem einzigartigen Festival steckt. Michael Dreier (MD) hat mit den beiden im nachfolgenden Interview nicht nur Seemannsgarn gesponnen, sondern auch auf Untiefen, Stürme und Flauten geschaut.
TK: Als ich noch Openair-Theater spielte, habe ich das Zentrum der Stadt gesucht. Dies war für mich immer der Markt- und Barfüsserplatz. Ich hatte aber kein Geld für grosse Bühnen und Tribünen. Die Treppen am Rhein wurden erst in den 80ern gebaut. Aber wofür? Nur um zu Sinnieren am eigenen Fluss? Genutzt wurden die Treppen damals nur von der offenen Drogenszene. Ich wollte die Treppen am Rhein als Tribüne nutzen und damit musste die Bühne im Rhein sein. Die Idee zum FLOSS war damit geboren.
TK: Die Stürme sind ab dem 1. Konzert los gegangen. Mit einer Empörung sondergleichen von Anwohnern, was auch verständlich war. Von der stillen Rheinsicht mit Blick zum Münster, änderte sich die Idylle mit dem FLOSS in tausende Menschen und Musik mit 93 Dezibel. In einer Protestantischen Stadt wie Basel gibt es eine Todsünde. Laut zu sein. Die Anwohnergruppierung «Rheinischer Hausfrieden» hat das FLOSS und die Stadt-Verwaltung vor das Gericht navigiert. Das Urteil des Appellationsgerichts: Das Gemeinwesen hat die Pflicht für generationsübergreifende kulturelle Projekt öffentlicher Grund und Boder zur Verfügung zu stellen. Nach vier Jahren und dem Bundesgerichtsentscheid konnte das FLOSS sämtliche Segel setzen und den geplanten Kurs ansteuern.
TK: Eine gute Frage. Jedes Jahr versuchten die Gegner mit einer superprovisorischen Verfügung bis zum Bundesgerichtsurteil das FLOSS zu verhindern. Erfolglos. In Zeitungsartikel wurden jährlich Stossgebete für das FLOSS veröffentlich. Mit dem Bundesgerichtsentscheid wurden die Gebete erhört und das FLOSS hat den bundesgerichtlichen Segen erhalten.
Dieser Sturm um das FLOSS und die umfahrenen Untiefen haben mir aber den Weg ins Parlament geebnet.
GF: Dazu muss ich erläutern, dass das FLOSS keinen Ticketverkauf hat. Damit kann man im Rahmen von Line-ups den Erfolg nie abschätzen. Die ökonomische Berechnung für einen Kulturbetrieb funktioniert beim FLOSS nicht. Wir können damit auch nicht anhand von Ticketverkäufen das Publikum einordnen. Die Menschen kommen und gehen während der Konzerte. Deshalb haben wir eine Umfrage getätigt.
60 - 70% des Publikums kommen aufgrund des Happenings. Für drei Wochen Heimat und Hafen am Rhein.
25 - 30% kommen aufgrund des Programmes und wollen einzelne Bands sehen.
Der Rest sind Laufkundschaft und Touristen.
Jetzt kann ich deine Frage beantworten. Das Line-up ist ein wichtiges Mittel für das ganze FLOSS, aber nicht das Wichtigste. Das Programm ist nicht das FLOSS. Den das FLOSS selbst ist das Happening.
Ich versuche mir immer die 60’000 – 70’000 Personen einer FLOSS-Saison vorzustellen. Als neapolitanischer Mensch bin ich pathetisch und melodramatisch. Stell dir vor du ladest Freunde zum Abendessen ein. Du weisst, Vreneli hat gerne eine Aperol-Spritz, Hans einen schweren Rotwein und so weiter. So stelle ich das Programm zusammen. Ich versuche alle etwas glücklich zu machen und versehe das Ganze dann mit einer variantenreichen Stilausgabe. Die Wünsche der Abendsponsoren versuche ich ebenfalls einzubinden. Das Programmieren des FLOSSES ist wie die Quadratur des Kreises.
Es gibt Acts, die nicht ans FLOSS gehören. Einige Künstler gehören ans Imagine, an die Baloise Session oder ans Jugendkulturfestivals. Auch haben wir am Rhein mit dem FLOSS eine offene Sicherheits-Situation. Stell die vor, in einer geistigen Umnachtung würde U2 oder Bruce Springsteen sagen, sie würden gerne auf dem FLOSS spielen. Sicherheitstechnisch hätte ich einen Ausnahmezustand, den ich mir in den schlimmsten Albträumen nicht vorstellen möchte.
GF: Das ist immer relativ. Es muss einfach ins Budget oder die Heuer passen.
TK: Wie Gaetano sagte, es ist Heimat und Hafen. Heimat ist daraus gegeben, dass das FLOSS drei Wochen dauert und nicht nur ein Wochenende. Und es ist am Rhein. Das hat eine grosse Bedeutung. Es ist kein Fluss, sondern ein Strom. D.h. jede Note, die gesungen wird, landet unweigerlich irgendwann im Meer. Wir bauen für das Publikum eine kleine Stadt, mit der Landebrücke, mit dem FLOSS und den Foodständen. Wir bauen schnell auf und auch schnell wieder ab. Damit zeigen wir, dass wir nur eine temporäre Intervention sind und wieder «heim» in den Hafen ziehen.
TK: In einer Retraite haben wir uns mal die Frage gestellt, wie wir einem Chinesen das FLOSS erklären. Er hat die Möglichkeit Einheimische vor Ort in einer gelösten Atmosphäre kennenzulernen.
Was bei Touristen lustig ist: Sie meinen immer, dass die Stadt das FLOSS finanziell ermöglicht. Das zeigt die Wahrnehmung der Touristen, die glauben, dass Basel eine unglaublich fortschrittlich progressive Stadt sei, die grundsätzlich primär kostenlos ermöglicht, dass man Kultur in Anspruch nehmen und gleichzeitig Einheimische kennenlernen kann. Und die Foodstände werden am Abend auf und wieder abgebaut.
(Anmerkung: Das FLOSS finanziert sich ausschliesslich über Sponsoren, Spenden und die Kollekte des Publikums.)
TK: Es gibt Verwaltung, die wie ein Kollektiv funktioniert. Dieses Kollektiv findet immer, dass das FLOSS nur stattfinden kann, da sie Vorschriften, Verordnungen und Befehl erlassen, die wir einhalten müssen. Da wird immer davon ausgegangen, dass man es nach 27 Jahren immer noch nicht kann. Jährlich werden wir mit einer anständigen Portion Misstrauen konfrontiert. Damit man nicht zu egozentrisch wird und das Gefühl hat, man habe in Basel den Leuchtturm schlechthin erfunden. Das sind die elementaren Hürden. Und das Wetter, vor allem das Hochwasser. Den Rest können wir. Wir können FLOSS, aber man glaubt es uns nicht.
GF: 2014 haben wir, aufgrund des Hochwassers, von 14 Abenden 13 an Land gespielt. Ich widerspreche unserem lieben Kapitän. Aber weder Hochwasser noch ein Virus konnten uns je einen Strich durch die Rechnung machen. Wir sind eine so sehr schlagkräftige Crew, damit können wir je Klippe umschiffen.
TK: Das FLOSS ist am besten zu porträtieren als gallisches Dorf. Dort werde die Piraten auch von den Galliern versenkt.
GF: Ein Organigramm (Anmerkung: die beiden brechen in ein Gelächter aus). In einer geistigen Umnachtung habe ich gedacht, die Organisation muss strukturiert werden und habe ein Organigramm erstellt.
TK: Die Daseinsberechtigung war sehr kurz. Der 1. Offizier hat es angeschaut und gemeint es sei zu klein, um es zu lesen und hat es zerrissen.
GT: Seit dann ist dies ein Running Gag. Immer wenn etwas ist, kommen wir auf das Organigramm zu sprechen. Damals meinte ich es gut, aber ich habe nun verstanden, dass es in der kleinen Truppe kein Organigramm braucht. Die Handvoll Personen werden situativ immer wieder mit Speziallisten, wie Grafiker und Techniker und so weiter, unterstützt. Am FLOSS selbst sind es dann 30 bis 40 Personen, die die drei Wochen stemmen. Ich, aus der Kulturwirtschaft kommend, und sehe wie ein Gurten und St. Gallen Openair Festival aufgebaut ist, muss das FLOSS immer wieder erklären. Selbst die Urheberrechtsgesellschaft SUISA hat das FLOSS immer mit diesen Festivals verglichen. Ich musste einen Besuch abstatten und mit Videomaterial aufzeigen, was das FLOSS ist.
TK: Durch den Kauf eines Weidling-Platzes für CHF 66, oder eines ganzen Weidlings für 8 Personen. Durch die Kollekte mit Bargeld oder über Twint, durch den Kauf eines Abends als Firma oder für einen grossen Geburtstag. Damit hat man die Landungsbrücke und die Bar auf der Landungsbrücke für sich und seine 70 Gäste. Wenn man seine Millionen nicht dem Tierheim zusprechen möchte, sondern dem FLOSS zuhalten will. Sehr gerne, sofern die Million auf den Twint QR-Code passt (lacht).
MD: … und es gibt die FLOSS-Freunde.
TK: Genau, 25 Personen ermöglichen mit je CHF 4'000.- die Konzerte und erhalten einige Gegenleistungen. Die Personen sind anonym und kennen sich nur über die exklusiv für sie bestimmten Anlässe.
GF: Mindestens das 30-jährige Jubiläum im 2029. Seit ich dabei bin habe ich mein Grundmotto: Ich hoffe vieles und erwarte wenig. Die Hoffnung wird meistens nicht so enttäuscht wie die Erwartung. Ich hoffe immer auf eine tolle nächste Saison, ein tolles Programm und eine gesunde Crew. Das FLOSS hat bewiesen, dass ein Organigramm schwierig ist und ein Fünfjahres-Plan noch schwieriger. Wir erarbeiten mit der Stadt-Verwaltung eine längere Planungsfrist, um die Daten zu sichern.
TK: 5 Jahre sind fixiert, aber wir müssen trotzdem jährlich wieder eine Eingabe vornehmen.
Beschäftigen tut uns die neue Gestaltung des Rheinbords. Irgendwann während der Bauphase wird die Treppe für unser Publikum weg sein und wir müssen mit dem FLOSS für die Bauperiode zügeln.
GF: Aber auch da, wir reagieren erst, wenn uns die Fakten bekannt sind und wir wissen, was passieren wird.
MD: Somit ist euch die Grosswetterlage bekannt. Den Kurs legt ihr fest, wenn die Unwetter aufziehen?
TK: Vieles wird mit dem Umbau des Rheinbords auch ermöglicht. Der Zugang zur Landungsbrücke und der Bar führt über eine steile Treppe. Dies ist nötig, um das Geländer am Rheinbord zu überwinden. Zukünftig wird es möglich sein, das Geländer abnehmbar zu bauen. Die Stadt wird uns gegenüber doch etwas flexibel.
GF: Hätten wir das Geländer abgesägt, wären wir um Käppeli-Joch aufgeknüpft worden.
TK: Ich denke das FLOSS wird die Wahrnehmung des Rheins in der Stadt nachhaltig verändern. Wir hatten mit Büne Huber und Patent Ochsner ein Erlebnis. Beim Abspann des Liedes «Scharlachrot» haben sie die ersten drei Akkorde von «z’Basel ah mym Rii» intonieren. Das haben Sie gemacht (Tino singt). Das Publikum hat mitgesungen. «Z’Basel ah mym Rii» von Johann Peter Hebel gesungen. Dann hat ein kollektives Unterbewusstsein gezeigt, dass dieses Lied den Rhein - und nicht den Fussball - in die Mitte der Stadt stellt. Auf den Rhein sind wir stolz. Der Rhein in Basel als Heimat, an den es immer alle Basler zurückziehen wird.
GF: Die Kosten und die Sicherheit sind immer meine grössten Herausforderungen. Zu viele Leute sind nicht gut für das FLOSS. Aber meine Wünsche sind: Jack White, Beth Hard, Kate Bush, Joe Bonamassa. Ich weiss nicht ob dies vermessen tönt, ich bin dem Rhein, dem Kapitän und dem lieben Gott dankbar, dass ich ein paar ganz besondere Highlights umsetzen durfte. Darunter auch eine Hommage an meine verstorbene Mutter. Sie war Fan vom neapolitanischen Künstler Eduarda Bernardo. Er trat ein Jahr nach ihrem Tod auf dem Floss auf.
TK: Ich bin poetischer, Gaetano. Es ist zwar nicht so, weil er nicht fliegt, aber Tom Waits würde sicher hier spielen. Wenn er einmal über die Mittlerbrücke laufen würde und das FLOSS sehen würde, wäre er fasziniert davon und würde auf dieser Bühne spielen wollen. Und dann, Gaetano, machst du ein Vertrag mit ihm und wir sagen es niemandem. Dann ist einfach am zweitletzten FLOSS-Abend – Surprise. Und diese Art von Understatement finde ich einfach nur geil. (Tino und Gaetano lachen)
GF: Ich nehme diesen Ball auf. Die grossen vorgenannten Künstler haben auch schon solche Auftritte gemacht. Wir brauchen einfach einen speziellen Zugang zu den Künstlern, weg vom Management und den normalen Prozessen.
TK: Wir müssen also noch weiter machen, um diese Schätze heben zu können.
TK: Wir verlangen keinen Eintritt. Alle anderen Veranstalter posten, wenn der Vorverkauf eröffnet wird. Gratiskultur ist ein Schimpfwort geworden. Dies haben wir zum Anlass genommen am 20. Jubiläum uns einen Scherz zu erlauben. Wir haben, wie alle Festivals, gepostet der Vorverkauf sei eröffnet. Die Presse ging zu unserem Pressesprecher und fragte, ob das FLOSS nun etwas kostet. Dieser war eingeweiht und sagte: «ups, diese Info hätte noch nicht raus dürfen». Und alle wollten mit dem Krattiger reden, der bewusst unauffindbar war. Einige Zeit später haben wir kommuniziert, dass dies ein Witz war und das FLOSS immer dem Publikum gehören wird.
GF: Über die Verwirrung, Frechheit, Rotzigkeit erfreuen wir uns immer wieder. Aber nach so vielen Jahren Sturm und Untiefen hat uns dies gutgetan.
TK: Umso mehr haben sich die Spendennetze der Matrosen wieder gefüllt. Das ist unser Seemannsgarn.
Tino, Gaetano — herzlichen Dank, dass ihr unsere Leser mit an Bord genommen habt. Eure Einblicke zeigen, wie viel Leidenschaft, Navigationskunst, Herzblut und Humor hinter dem FLOSS stecken. Es ist ein Geschenk für Basel, für seine Menschen und für alle, die sich jeden Sommer am Rhein von Musik, Atmosphäre und Gemeinschaft tragen lassen. Danke für eure Zeit, eure Offenheit und euren Kurs, den ihr seit Jahren so klar haltet. Alles Gute und immer eine Handbreite Wasser unter dem Kiel.
17. September 2026