«In Phasen von Aktienmarkteinbrüchen übernehmen Obligationen eine wichtige Rolle, denn kaum eine Anlageklasse stabilisiert das Portfolio besser.» Christa Janjic-Marti
Obligation gelten seit jeher als fester Bestandteil eines ausgewogenen Portfolios – doch in Zeiten von Nullzinsen und steigenden Risiken wird ihre Rolle zunehmend hinterfragt. Viele Anlegerinnen und Anleger fragen sich, ob sich Investitionen in diese Anlageklasse überhaupt noch lohnen. Trotz geringem Renditepotenzial erfüllen Obligationen weiterhin wichtige Funktionen, insbesondere in unsicheren Marktphasen. Sie bieten Stabilität und können Verluste in turbulenten Zeiten abfedern. Doch reicht das aus, um ihnen auch künftig einen festen Platz im Portfolio zu sichern?
Im nachfolgenden Gastbeitrag geht Frau Christa Janjic-Marti, Mitglied des Trafina Anlageausschusses, diesen Fragen nach.
In der Schweiz sind die Zinsen längst wieder bei null angelangt. Nicht viel einträglicher als das Bankkonto sind Schweizer Obligationen. Bei Obligationen der Eidgenossenschaft gibt es selbst bei sehr langlaufenden Anlagen höchstens ein halbes Prozent Zins. Für das Risiko, dem Staat für eine lange Zeit Geld auszuleihen, werden Anlegerinnen und Anleger also kaum belohnt.
Damit nicht genug: Die niedrigen Zinsen auf Obligationen, auch als Verfallrenditen bezeichnet, bringen ein gewisses Kursrisiko mit sich. Steigen die Zinsen, sehen sich Anlegerinnen und Anleger schnell mit einer negativen Kursentwicklung auf ihren Obligationsanlagen konfrontiert. Es ist also schwierig, für diese Anlageklasse Freude aufzubringen. Trotzdem bleibt sie eine wichtige Anlageklasse in Schweizer Portfolios. Schweizer Pensionskassen investieren noch immer rund einen Viertel ihrer Kapitalien in Obligationen. Durchaus berechtigt, aus meiner Sicht.
Aktienmärkte brechen im Schnitt alle 4-5 Jahre um 20% oder mehr ein, oft sind diese Einbrüche Sorgen um die Konjunktur geschuldet. Für die Moral und das Durchhaltevermögen der Anlegerinnen und Anleger ist es wichtig, in diesen Phasen auch Anlageklassen im Portfolio zu halten, die nicht an Wert verlieren oder sogar an Wert zulegen. In Phasen von Aktienmarkteinbrüchen übernehmen Obligationen eine wichtige Rolle, denn kaum eine Anlageklasse stabilisiert das Portfolio besser. Besonders Schweizer Staatsanleihen legten in der Vergangenheit zuverlässiger als jede andere Anlageklasse an Wert zu, wenn die Aktienmärkte stark korrigierten.
Selbst bei Verfallrenditen nahe Null ist es möglich, dass die Kurse von Obligationen steigen. Nämlich dann, wenn die Verfallrenditen ins Negative fallen, wie beispielsweise bei den Börseneinbrüchen im Sommer 2015, im Dezember 2018 und bei Ausbruch des Coronavirus im Jahr 2020.
Nicht immer erholen sich Aktien von einem Einbruch so schnell wie in den Jahren 2020 oder 2025. Die Wahrscheinlichkeit, dass Aktien auch über die lange Frist enttäuschen können, ist nicht so tief wie gemeinhin angenommen. In der Vergangenheit gab es immer wieder Phasen, die Anlegerinnen und Anleger viel Geduld und Durchhaltevermögen abverlangten. Ein Blick auf die Schweiz zeigt, dass in den letzten 50 Jahren Aktienanlagen in 3 von 4 Fällen besser rentiert haben als Obligationen – wenn diese 10 Jahre gehalten wurden. Selbst bei einer Haltedauer von 10 Jahren haben also Obligationen in 1 von 4 Fällen besser rentiert als Aktien.
Problematisch wird es für Obligationen in Phasen, in denen die Aktienkurse fallen und die Inflation steigt – wie im Jahr 2022 oder gerade aktuell vor dem Hintergrund des Nahostkrieges. Nur wenige Anlageklassen schaffen es, in diesem Umfeld ihren Wert zu erhalten oder gar an Wert zuzulegen. Rohstoffanlagen, insbesondere im Energiesektor und Edelmetalle , können in diesen Phasen erfolgreich sein. Allerdings sind diese Anlagen noch riskanter resp. volatiler als Aktien.
Was ist also die Lösung? Obligationen sollten für Anlegerinnen und Anleger mit einer niedrigen bis mittleren Risikobereitschaft nach wie vor Teil des Portfolios sein. Eine höhere Cash-Quote anstelle von Obligationen kann helfen, den Anteil der Obligationen zu reduzieren.
Institutionelle Anleger suchen verstärkt nach Alternativen wie Infrastrukturanlagen, Privatmarktkrediten oder Immobilienanlagen anstelle von Obligationen. Obwohl diese Anlageklassen im Vergleich zu Obligationen ein höheres Renditepotenzial aufweisen, sind sie empfindlich gegenüber konjunkturellen Abschwüngen und bieten in solchen Phasen keinen zuverlässigen Schutz. Überdies sind Infrastrukturanlagen und Privatmarktkredite illiquide Anlagekategorien, welche bei grossvolumigen Rücknahmen der Anleger rasch unter Druck geraten. Im schlimmsten Fall werden die entsprechenden Fonds geschlossen, wie das gegenwärtig bei BlackRock der Fall ist. Somit sind diese alternativen Anlagen kein perfekter Ersatz für Obligationen: einen solchen gibt es schlicht nicht!
Christa Janjic-Marti // CJM Investment Consulting
Christa Janjic-Marti, 01. April 2026