«Value mit neuem Glanz.» Matthias Wirz

Ist die Konsolidierung an den Aktienmärkten beendet?

  • Europa vor zyklischer Erholung
  • Aktienmärkte haben mittelfristig weiteres Potential
  • Gold in neuem Aufwärtstrend
Matthias Wirz
«Value mit neuem Glanz.» Matthias Wirz, Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner

Der immer wieder aufflammende Krieg zwischen dem Iran und den USA/Israel treibt den Ölpreis zeitweise in die Höhe, um danach bei Bekanntwerden von möglichen Verhandlungserfolgen wieder zu sinken. Stand heute ist die Strasse von Hormus für den Schiffsverkehr nur eingeschränkt passierbar, wodurch die Angebotssituation auf dem Ölmarkt angespannt bleibt. In der Kausalkette bedeuten steigende (fallende) Energiepreise höhere (sinkende) Inflationserwartungen und in der Folge anziehende (fallende) Zinsen. Hierfür bildet die 10-jährige USD-Staatsanleihe (Treasury) die Benchmark, deren Rendite sich in den letzten Wochen zügig an die für Aktienanlagen kritische Schwelle von 5% angenähert hat. Die 5%-Schwelle bildet im historischen Vergleich häufig den Wendepunkt, an dem der Zusammenhang (Korrelation) zwischen Anleihen und Aktien kippt, resp. negativ für die Performance von Aktienanlagen werden kann. Inzwischen hat sich die 10-jährige Treasury-Rendite wieder von 4.75% auf 4.62% zurückgebildet, zurückzuführen auf die möglicherweise erfolgreichen Verhandlungen der Kriegsparteien. 


Aktuelle Situation

Trotz unsicherem geopolitischem Umfeld und entsprechend volatilen Rohstoffmärkten halten sich die Aktienmärkte vergleichsweise gut. Die seit Anfang Juni laufende Konsolidierung resp. Korrektur an den US-Börsen – der Nasdaq (NDX) verlor vom Höchst zwischenzeitlich über 10% - scheint fürs Erste vorbei zu sein. Die Korrektur im Technologiesektor, insbesondere bei den KI-Unternehmen, war überfällig. Die Aktienkurse einiger Unternehmen sind trotz der grossen Unsicherheit, ob sich die hohen Investitionen langfristig auszahlen werden, (zu) steil angestiegen. Seither belastet die Furcht vor Überinvestitionen, zunehmender Verschuldung und negativen Free Cashflows periodisch die Technologiebörse. Tatsächlich könnte ein überwiegend fremdfinanzierter KI-Kapazitätsausbau, verbunden mit negativem Free Cashflow, die Bonität vieler Unternehmen belasten und daher zu Rating-Herabstufungen führen. In der Folge dürften sich die Kreditrisikoprämien erhöhen und die Refinanzierung deutlich verteuern. 

Indes hat der NDX allein in den letzten 5 Handelstagen wieder über 8% gutgemacht und sowohl S&P 500 (SPX) als auch Dow Jones befinden sich auf Allzeithöchstständen. Was sind die Gründe hierfür:

An erster Stelle ist das mit gegenwärtig 25% (erwartet 2026 für SPX) ausserordentlich hohe Gewinnwachstum der US-Unternehmen zu nennen. Das gilt nicht mehr nur für die grossen Technologieunternehmen, sondern zunehmend auch für den breiten Markt. Ausserdem ist das Wirtschaftswachstum in den USA solide, wenngleich mit 1.50% im 2. Quartal nicht besonders kräftig. Der ISM-Einkaufsmanagerindex ist im Juli überraschend stark von 53.3 auf 55.6 angestiegen, ein klares Indiz für eine zyklische Erholung in der Industrie und somit eine Wachstumsbeschleunigung der gesamten US-Wirtschaft. Andererseits bildet sich die Kern-Inflationsrate (ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise) nach einem Zwischenanstieg wieder zurück und nähert sich der Zielgrösse der amerikanischen Notenbank (FED) von 2% an. Dadurch erhöht sich der geldpolitische Spielraum des FED und der Druck bezüglich Leitzinserhöhungen flaut ab. 

Auch in den übrigen grossen Volkswirtschaften zeichnet sich eine Konjunkturerholung ab: In der Eurozone stieg der Einkaufsmanagerindex (PMI) im Juli von 50.0 auf 52.0, auf den höchsten Stand seit November 2025 und erstmals seit März wieder im Expansionsbereich. Beigetragen haben sowohl die Dienstleistungskomponente (51.7), als auch die Industrie (51.9). Auf Länderebene bleibt das Bild gespalten: Die Tourismusregionen sind an der Spitze, angeführt von Spanien mit 56.5, Italien mit 52.5 und Griechenland mit 54.3. Hingegen liegen Deutschland mit 51.3 und Frankreich mit   49.4 klar zurück. 


Unsere Empfehlung

In der Asset Allokation wird die leichte Übergewichtung der Aktienanlagen zu Lasten Liquidität und Obligationen beibehalten. Wesentliche Treiber hierfür sind das kräftige Gewinnwachstum der Unternehmen, die hohe Investitionstätigkeit in KI und das weltweit moderate Zinsniveau zu nennen. Hingegen setzen wir den Fokus vermehrt auf Value (Substanzwerte) dominierte Märkte und Indizes, da deren Bewertung (noch) nicht als überteuert einzustufen ist. Das gilt vor allem für den Dow Jones, FTSE und SMI, in welchen die historisch hoch bewerteten Wachstumstitel (Growth) aus dem Technologiebereich viel weniger ins Gewicht fallen.

Insbesondere der schweizerische Aktienmarkt ist gemessen am Kursgewinn-Verhältnis (P/E) und der Risikoprämie von 20 resp. 4.60% nach wie vor attraktiv bewertet. Allerdings ist infolge der jüngsten Kursrallye kurzfristig mit einer Konsolidierung zu rechnen, sodass ein Einstieg resp. Aufstockung nicht eilt. Das gilt im Wesentlichen auch für die anderen Märkte.   

Im Segment der alternativen Anlagen ist Gold nach der 6 Monaten dauernden Preiskorrektur mit anschliessender Seitwärtsbewegung auch kurzfristig interessanter geworden. Tiefere Inflationserwartungen und daher weniger Zinsängste, sowie anziehende Zentralbankkäufe dürften Gold - und in dessen Fahrwasser auch den Goldminenaktien - neuen Auftrieb geben.   

Taktische Positionierung

Obligationen: Untergewichtung; 4 – 8-jährige Laufzeiten bevorzugen
Aktien: Leichte Übergewichtung; Schweiz bevorzugen, Rest der Welt neutral
Währungen: USD/CHF über 0.80 absichern; EUR/CHF über 0.94 absichern
Rohstoffe: Industriemetalle übergewichten
Edelmetalle: Gold übergewichten, Goldminenaktien attraktiv
Immobilien: Übergewichtung (Anlagestiftungen, Immobilienfonds)
Transaktionen: Aktien:-  ; Obligationen: -       
Sektoren: Übergewichtung Gesundheit, nicht-zyklischer Konsum, Versorger.

Matthias Wirz, 07. August 2026