«Die Konsolidierung an den Aktienmärkten ist mit einem Kursrückgang von 2.5% bislang moderat ausgefallen» Matthias Wirz

Längster Shutdown aller Zeiten geht zu Ende

  • ISM-Dienstleistungsindex auf dem höchsten Stand seit Februar
  • Übergewichtung der Aktienquote
  • Schweizer Aktien mit einem KGV von 19 attraktiv bewertet
Matthias Wirz
«Die Konsolidierung an den Aktienmärkten ist mit einem Kursrückgang von 2.5% bislang moderat ausgefallen» Matthias Wirz, Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner

Die zwischenzeitlichen Bedenken über weitere Zinssenkungsschritte der amerikanischen Notenbank (FED) wurden durch die jüngsten (privaten) Konjunkturindikatoren und Arbeitsmarktberichte nicht weniger. Während die ADP-Zahlen zur Beschäftigung im Oktober einen etwas stärkeren Aufbau als erwartet (42'000 statt 30’000) zeigten, signalisierte der «Challenger»-Bericht einen erheblichen Anstieg der angekündigten Stellenkürzungen im Oktober. Es ist deshalb unklar, ob auch der öffentliche Bericht eine Verschlechterung des Arbeitsmarkts signalisieren wird, falls dieser trotz «Shutdown» (Stillstand der öffentlichen Betriebe) kurzfristig überhaupt veröffentlicht wird


Aktuelle Situation

Mit 37 Tagen ist der aktuelle Shutdown der US-Regierung der längste in der Geschichte des Landes, sodass die Auswirkungen auf die Realwirtschaft mit jedem Tag fühlbarer werden. In den Umfragen wird die Schuld für den Shutdown mit 45% mehrheitlich den Republikanern und nur 33% den Demokraten gegeben, weshalb der Druck auf die Regierung Trump für eine Lösung stark zugenommen hat. Ausserdem haben die klaren Siege der Demokraten bei den Gouverneurs- und Bürgermeisterwahlen in Virginia, New Jersey und New York zur nun bevorstehenden Einigung betreffend der Schuldenobergrenze geführt. 

Sofern der Shutdown tatsächlich in den nächsten Tagen beendet wird, dürften die direkt betroffenen privaten Haushalte ihren Konsum im Hinblick auf «Thanksgiving» und «Black Friday» Ende November kaum kürzen. Das Wirtschaftswachstum sollte daher in der betroffenen Zeitperiode nur geringfügig abgenommen haben, wie auch der für die USA wichtige Dienstleistungssektor bisher kaum Schwächen zeigt. Der ISM-Dienstleistungsindex nahm auf den höchsten Stand seit Februar zu und übertraf mit 52.4 alle Erwartungen. Überdies prognostiziert das ökonometrische Konjunkturmodell (GDPNow) der regionalen FED von Atlanta ein Wirtschaftswachstum von fast 4% für das vierte Quartal.  Dennoch ist die These einer Abschwächung des Arbeitsmarktes zwar unverändert stichhaltig, doch wurden die Erwartungen für eine erneute Zinssenkung des FED am 10. Dezember zurückgeschraubt.   

Die Anhörung des Obersten Gerichtshofs bezüglich der Trump-Zölle offenbarte, dass selbst konservative Richter erhebliche Zweifel über deren Rechtmässigkeit haben. Gemäss Trumps Logik herrscht in den USA aufgrund der in einigen Fällen erheblichen Handelsdefizite ein Notstand, weshalb er sich auf den «International Economic Emergency Powers Act» beruft. Dieses Gesetz erlaubt es nach Trumps Auffassung, Zölle einzuführen, ohne diese vom Kongress verabschieden zu lassen.
 
In der Eurozone ist die Konjunkturdynamik weiterhin ungleich verteilt: während Deutschland und Italien ein Nullwachstum verzeichnen, legten Spanien (+0.6%), die Niederlande (+0.4%) und selbst das durch politische Unsicherheiten gebeutelte Frankreich (+0.5%) kräftig zu. Nach wie vor ungelöst ist in Deutschland die Standortproblematik mit hohen Lohnnebenkosten, teuren Energiepreisen und überbordender Regulierung. Stellvertretend dafür stehen die seit geraumer Zeit sinkenden Bestellungseingänge in der Industrie. Verglichen mit einem Indexstand von 100.5 im September 2021 liegt das gegenwärtige Niveau um etwa 15%-Punkte tiefer. Dabei bildeten sich die inländischen Aufträge überproportional stark zurück. Die schwierige Lage unterstreicht die verlorene Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, wobei ungewiss ist, ob die umfangreichen Infrastrukturinvestitionen der Bundesregierung in den kommenden Jahren mehr als nur einen kurzen zyklischen Aufschwung auslösen werden.


Unsere Empfehlung

Die Konsolidierung an den Aktienmärkten ist mit einem Rückgang des weltweiten Aktienindex (MSCI World) von 2.5% bislang moderat ausgefallen. Die Risikobarometer, Volatilität und Risikoprämien hochverzinslicher Anleihen, sind indes leicht angestiegen, verharren aber beide auf historisch durchschnittlichem resp. tiefem Niveau. Entsprechend ist in den kommenden Wochen mit wieder «freundlicherem» Markumfeld zu rechnen.    

Der expansive «Policy-Mix», die weltweit expansive Geld- und Fiskalpolitik, bildet unverändert ein stabiles Fundament für die Aktienmärkte. Darauf sind auch die steigenden Gewinnwachstumsraten und – trotz Importzöllen – stabil hohen Margen der Unternehmen, insbesondere in den USA, zurückzuführen. Die gemessen am Kursgewinn/Verhältnis (KGV) von 26 historisch hohe Bewertung der US-Märkte (S&P 500, SPX) kann teilweise durch die sinkenden kurz- und langfristigen Zinsen erklärt werden. Da die 10-jährigen Staatsanleiherenditen in USD bei 4.1%, in EUR bei 2.6% und im CHF bei tiefen 0.06% notieren, ergeben sich mit Ausnahme der USA weltweit attraktive Risikoprämien (Gewinnrendite minus risikoloser Zinssatz) von über 3%. Auch in dieser Betrachtung ist der amerikanische Markt (S&P 500) mit einer negativen Risikoprämie von -0.2% überbewertet und vergleichsweise unattraktiv. Allerdings wird die Bewertung des S&P 500 durch die sieben teuren, aber wachstumsstarken Technologietitel («Magnificent 7»), welche ein Gewicht von inzwischen rund 35% im Index verzeichnen, massgeblich verzerrt. Demgegenüber ergibt sich beim gleich gewichteten S&P 500 ein KGV von «nur» 18. 

In der taktischen Anlagepolitik halten wir an der Übergewichtung der Aktienquote fest. Besonders interessant sind Schweizer Aktien mit einem KGV von 19, im Vergleich zum historischen Durchschnitt von 21.5 und einer Risikoprämie von über 5%. Hierbei sind unsere Favoriten Novartis, Swiss Life, Holcim, ABB, UBS, Zurich Versicherung und Swiss Re. Viel Aufholpotential verzeichnen ferner Roche und Nestlé. 

Auf dem CHF-Obligationenmarkt sind aufgrund des äusserst tiefen Zinsniveaus bei gleichzeitig tiefen Kreditrisikoprämien kaum mehr attraktive Anleihen mit vertretbarer Bonität und Duration zu finden. Zuletzt war dies bei 1.65% Clariant 2030 und 1% Corner Bank 2029 der Fall. 

Taktische Positionierung

Obligationen: Untergewichtung; 4 – 8-jährige Laufzeiten bevorzugen
Aktien: Leichte Übergewichtung; Schweiz und USA bevorzugen
Währungen: USD/CHF über 0.80 absichern; EUR/CHF über 0.94 absichern
Rohstoffe: Industriemetalle übergewichten und Energie untergewichten
Edelmetalle: Gold übergewichten, Goldminenaktien attraktiv
Immobilien: Übergewichtung (Anlagestiftungen, Immobilienfonds)
Transaktionen: Aktien:-  ; Obligationen: 1.65% Clariant 2030        
Sektoren: Übergewichtung Technologie, nicht-zyklischer Konsum, Versorger.

Matthias Wirz, 10. November 2025