«Zeitnahe Verhandlungslösung im Irankrieg? » Matthias Wirz
Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner
«Zeitnahe Verhandlungslösung im Irankrieg? » Matthias Wirz, Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner
Die Reaktion der Finanzmärkte und der Energiepreise auf die erneute Blockade der Strasse von Hormus fällt im Vergleich zur kräftigen Erholung in den vergangenen zwei Wochen moderat aus. Trotz widersprüchlicher Nachrichten aus dem Krisengebiet scheinen die Märkte auf ein nahes Ende der Kriegshandlungen und damit mittelfristig wieder auf tiefere Energiepreise zu setzen. Entsprechend werden positive Nachrichten von den Anlegern stärker gewichtet als negative.
Während die amerikanischen (S&P 500, Nasdaq) und überraschenderweise auch die asiatischen Aktienindizes auf neue Höchststände anstiegen, notiert der Ölpreis noch immer nahe bei USD 100 pro Barrel, rund 30% höher als vor Kriegsausbruch. Aufgrund der hohen Importabhängigkeit Europas macht es deshalb Sinn, dass die europäischen Aktienmärkte bisher nicht ganz Schritt halten konnten. Trotzdem erstaunt auf den ersten Blick die ausgeprägte Resilienz der risikotragenden Anlageklassen in Anbetracht der hohen Energiepreise und geopolitischen Unsicherheiten. Auf den zweiten Blick ist die gegenwärtige Konstellation im historischen Kontext allerdings nicht einmalig:
Politische Krisen und - regional begrenzte - Kriege können an den Aktienmärkten zwar kurzfristig heftig Korrekturen in der Grössenordnung von 5-10% auslösen. In der Folge werden die Verluste jedoch bereits nach 1- 2 Monaten wieder wettgemacht. Das gilt vor allem für «reine» geopolitische Schocks, ohne Auslösung einer schweren Rezession. Wenn hingegen eine Wirtschaftskrise hinzukommt, dauert die Erholung der Aktienmärkte deutlich länger, teilweise mehrere Jahre.
Auf den Rohstoffmärkten zeigt die Terminkurve für Rohöl, welche die Markterwartungen abbildet, über die nächsten Monate rasch fallende Preise an. Der Ölmarkt befindet sich somit in einer «Backwardation»-Situation, in welcher der heutige Preis (Spot-Preis) höher ist als der zukünftig erwartete Preis (Termin-Preis). Demgemäss notiert der Terminpreis für Oktober bei USD 80 und für Januar 2027 bei USD 75.
Grundsätzlich werden an den Finanzmärkten alle relevanten Nachrichten und Ereignisse effizient verarbeitet, sodass diese in der Preisstellung der verschiedenen Anlagekategorien immerzu enthalten sind. Da gilt folglich auch für die Bewertung der Aktienmärkte, wobei die Zinsentwicklung und Gewinnerwartungen der Unternehmen die massgeblichen Einflussfaktoren sind. Beide Faktoren haben zurzeit einen positiven Einfluss auf die Bewertung, indem die Zinsen weltweit tief sind und - vor allem in den USA - eine robuste Gewinnentwicklung der Unternehmen zu verzeichnen ist. Bisher haben 67 Unternehmen berichtet, wobei der Anteil positiver Überraschungen bei den Gewinnen hohe 85% und bei den Umsätzen 73% erreicht. Mit einem kräftigen Gewinnwachstum von 13.8% gegenüber dem Vorjahr fällt das Plus bereits 1.1% höher aus als zu Beginn der Berichtssaison. In Europa erreichen die Werte bei den STOXX 600 Unternehmen 64% positive Überraschungen bei den Gewinnen und (bescheidene) 50% bei den Umsätzen. Aufgrund der hohen Energiepreise und schleppenden Konjunktur ist die nachhinkende Entwicklung Europas nicht aussergewöhnlich.
Bei den Konjunkturdaten wird die Diskrepanz zwischen Europa und den USA offensichtlich: In Deutschland hat das Wirtschaftsministerium seine Wachstumsprognose für 2026 von 1.0% auf 0.5% halbiert, gleichzeitig wurde der Ausblick für 2027 von 1.3% auf 0.9% gesenkt. Gründe hierfür sind die massiv gestiegenen Energiepreise aufgrund des Iran-Kriegs, die unklare US-Zollpolitik und die zunehmende chinesische Konkurrenz der deutschen Hauptexportindustrien Maschinenbau und Automobil. Indes zeichnet sich in der gesamten Eurozone eine deutliche Abschwächung der Wirtschaftsaktivität ab, indem der Einkaufsmanagerindex (PMI) im April von 50.7 auf 48.6 sank. In den USA stieg der PMI dagegen von 50.3 auf 52.0 an.
Nach der Erholungs-Rallye in den letzten vier Wochen dürften die Aktienmärkte in eine kurzfristige Konsolidierungsphase eintreten. Insbesondere die US-Indizes S&P 500 und Nasdaq sind technisch überkauft, das heisst der Aufschwung nach der Korrektur im März verlief zu schnell in zu kurzer Zeit. Nachdem wir Ende März mit einem «Rebalancing» noch Aktienpositionen aufgebaut haben, wurden zuletzt Gewinne mitgenommen.
In der Summe rechnen wir auch dieses Jahr mit steigenden Aktenmärkten, da sich die Unsicherheit um den Irankrieg in den kommenden Wochen und Monaten infolge der angestrebten Verhandlungslösung legen sollte. Dementsprechend dürften sich die Energiepreise bis Ende Jahr zurückbilden und möglicherweise zu tieferen Leitzinsen in den USA führen. Zudem sollten sich die vom Markt eingepreisten Leitzinserhöhungen der EZB verflüchtigen.
Der Schweizer Aktienmarkt leidet gegenwärtig unter der (temporären) Schwäche der Indexschwergewichte Novartis und Roche. In der Breite finden sich dennoch attraktiv bewertete Titel wie z.B. UBS, Holcim, Geberit und Richemont oder dann Unternehmen mit viel «Momentum» wie z.B. ABB und SLHN.
Obligationen: Untergewichtung; 4 – 8-jährige Laufzeiten bevorzugen
Aktien: Leichte Übergewichtung; Schweiz bevorzugen, Rest der Welt neutral
Währungen: USD/CHF über 0.80 absichern; EUR/CHF über 0.94 absichern
Rohstoffe: Industriemetalle übergewichten
Edelmetalle: Gold übergewichten, Goldminenaktien attraktiv
Immobilien: Übergewichtung (Anlagestiftungen, Immobilienfonds)
Transaktionen: Aktien:- ; Obligationen: -
Sektoren: Übergewichtung Gesundheit, nicht-zyklischer Konsum, Versorger.
Matthias Wirz, 27. April 2026