«Unruhe auf den Obligationenmärkten » Matthias Wirz

Steigende Zinsen als grösstes Risiko für Aktienmärkte

  • Weltweit anschwellende Staatsverschuldung
  • Kurzfrsitige Konsolidierung an den Aktienmärkten
  • Gold und Kupfer im Fokus
Matthias Wirz
«Value mit neuem Glanz.» Matthias Wirz, Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner

Die Aktienmärkte befinden sich seit Mitte August in einer Konsolidierungsphase, ausgelöst durch den beständig hohen Ölpreis von USD 90-95 und dem weltweiten Anstieg der langfristigen Zinsen. Hierbei ist die 10-jährige USD-Staatsanleiherendite in den letzten drei Monaten um 0.30% von 4.45% auf 4.75% angestiegen. Über die weltweite Korrelation haben sich die entsprechenden Zinssätze auch im Rest der Welt in ähnlichem Ausmass erhöht. 

Mitverantwortlich hierfür ist die unklare Lage an der Strasse von Hormus, welche zurzeit nur von wenigen Schiffen passiert wird. Auch das Ölabkommen zwischen den USA und Venezuela hat bisher kaum einen senkenden Einfluss auf den Ölpreis. Die USA erhalten mehrheitlich die Kontrolle über die Erschliessung von 17 Ölfeldern in Venezuela mit einem Förderpotential von bis zu 65 Mrd. Barrel Rohöl, und damit mehr als in den USA selbst bisher nachgewiesen worden ist. Allerdings ist zu beachten, dass der Wiederaufbau der Infrastruktur mehrere Jahre dauern und hohe Investitionen von privaten US-Ölkonzernen erfordern wird.


Aktuelle Situation

Die zurzeit angespannte Situation an den Obligationenmärkten beunruhigt nicht nur die Aktienmärkte, sondern auch die übrigen Anlagekategorien. Grundsätzlich wird das allgemeine Zinsniveau durch die langfristigen Inflationserwartungen und den Realzins bestimmt. Der Realzins ist eine Funktion des Kapitalbedarfs des Staates und der Unternehmen sowie dem Angebot an Sparkapital. Während die Inflationserwartungen in den USA bei ca. 2.40% liegen, hat sich die Nachfrage nach Kapital aufgrund rasch steigender Budgetdefizite und folglich anschwellender Staatsverschuldung in den USA – dies gilt aber auch für viele andere Länder - bereits unverkennbar erhöht. Hinzu addiert sich der enorme Kapitalhunger der grossen Technologiekonzerne zwecks Finanzierung der KI-Investitionen. 

Gleichzeitig wird das immense und weiter steigende Angebot an Anleihen nicht mehr durch die amerikanische Notenbank (FED) mittels Anleihekäufe (QE) teilweise absorbiert, wie das mit Unterbrüchen zwischen 2008 und 2014 und erneut während der Pandemie der Fall war. Währenddessen wirkt ein langfristig negativer Effekt auf den Realzins: die «Baby-Boomer-Generation» geht zunehmend in Rente, wodurch das Sparvolumen (Kapitalangebot) in den kommenden Jahrzehnten stetig abnimmt. In der Summe ist der Realzins seit 2010 von 0.0% auf 2.4% erheblich angestiegen und wirkt sich demzufolge negativ auf die Barwerte von Vermögensanlagen aus.
      
Mittlerweile hat das steigende Zinsniveau auch das von Scott Bessent geführte Finanzministerium auf den Plan gerufen. Mit gezieltem «Zinskurven-Management» werden ab dem 10. September im Rahmen des von Bessent angekündigten Programms US-Staatsanleihen im Laufzeitenband von 10 bis 20 Jahren zurückgekauft und mittelfristig durch kürzerlaufende und daher für den Staat wesentlich günstigere Anleihen (weil tiefer verzinst) gegenfinanziert. Dieses Programm könnte nicht nur für den Staat, sondern auch für Hauskäufer und Unternehmen zu tieferen Finanzierungskosten führen, da sich diese vor allem langfristig refinanzieren. 
 
Derweil hat in Europa der Teuerungsdruck nach dem energiepreisbedingten Anstieg an Dynamik verloren: Die Inflationsrate ist in der Eurozone im August infolge der erneut höheren Energiepreise zwar von 2.9% auf 3.3% angestiegen. Hingegen bildete sich die Kernrate von 2.5% auf 2.4% zurück, zurückzuführen auf die nachlassende Dienstleistungsinflation. Daher dürfte die Entscheidungsfindung der Europäischen Zentralbank (EZB) bezüglich Leitzinsen an ihrer nächsten Sitzung am 10. September eine grosse Herausforderung darstellen.  

Des Weiteren erhöhten sich in den USA die monatlichen Inflationsraten im Juli nur um 0.1% resp. 0.2% für die Kernrate, wodurch sich die annualisierten Werte beinahe schon auf dem Zielwert des FED von 2% befinden. Dennoch betonte der neue FED-Präsident Kevin Warsh in seiner Rede in Jackson Hole die anhaltenden Inflationsrisiken und zeichnete darüber hinaus ein positives Bild der US-Wirtschaft. Dementsprechend wird zurzeit ein Zinsschritt des FED bereits im September mit einer Wahrscheinlichkeit von 60% eingepreist. Der Arbeitsmarktbericht vom August lieferte mit 162'000 neuen Stellen denn auch ein überraschend starkes Beschäftigungswachstum, begleitet von Aufwärtsrevisionen der Vormonate um insgesamt 55'000 Stellen. Damit wird die Robustheit des Arbeitsmarktes unterstrichen, sodass das FED den Fokus noch ausgeprägter auf die kommenden Teuerungsraten legen dürfte. Kevin Warsh relativierte denn auch die zuletzt besser als erwarteten Inflationszahlen, da sich die zugrunde liegenden Trends nicht nennenswert verbessert hätten.


Unsere Empfehlung

Trotz der jüngsten Konsolidierung bleiben die fundamentalen Rahmenbedingungen für Aktien konstruktiv. In der Asset Allokation halten wir an der leichten Übergewichtung der Aktienanlagen zu Lasten Liquidität und Obligationen fest. Aufgrund des in den USA gegenwärtig ausserordentlich kräftigen Gewinnwachstums der Unternehmen führten steigende Aktienkurse im bisherigen Jahresverlauf nicht zu einer Bewertungsausdehnung. Dagegen stellt ein weiter steigendes Zinsniveau ein wesentlicher Risikofaktor für die Aktienmärkte dar. Es ist davon auszugehen, dass die Gewinndynamik mittelfristig abnehmen wird und daher steigende Zinsen zu einer Bewertungskorrektur führen könnten. Demgegenüber sollten insbesondere tiefere Inflationserwartungen zu einer weniger restriktiven Geldpolitik des FED führen. Gleichermassen hilfreich, aber wenig wahrscheinlich, wäre eine Normalisierung der äusserst expansiven Fiskalpolitik mit einer abnehmenden Neuverschuldung.     

In diesem Umfeld sehen wir in den nächsten Monaten bei Substanzwerten (Value) mehr Kurspotential als bei den hoch bewerteten Wachstumstitel (Growth). Demgemäss sind breit aufgestellte, Value-orientierte Märkte und Indizes zu bevorzugen, da diese zudem nicht überteuert sind. 

Im Segment der alternativen Anlagen ist der Rohstoffsektor, insbesondere Gold und Kupfer, unsere bevorzugte Anlagekategorie. Gold ist nach der 6 Monaten dauernden Preiskorrektur in eine neue Aufschwungphase eingetreten, unterstützt durch tiefere Inflationserwartungen und daher weniger Zinsängste. Kupfer spielt in der laufenden Energiewende eine Hauptrolle, da es einen unverzichtbaren und kaum zu ersetzenden Rohstoff für Solar- und Windkraftanlagen, Elektromobilität, Speicherung und Netzausbau darstellt. Ausserdem unterstützt die zyklische Erholung des weltweiten Industriesektors die Nachfrage nach Kupfer. 

Taktische Positionierung

Obligationen: Untergewichtung; 4 – 8-jährige Laufzeiten bevorzugen
Aktien: Leichte Übergewichtung; Schweiz bevorzugen, Rest der Welt neutral
Währungen: USD/CHF über 0.80 absichern; EUR/CHF über 0.94 absichern
Rohstoffe: Industriemetalle übergewichten
Edelmetalle: Gold übergewichten, Goldminenaktien attraktiv
Immobilien: Übergewichtung (Anlagestiftungen, Immobilienfonds)
Transaktionen: Aktien:-  ; Obligationen: -       
Sektoren: Übergewichtung Gesundheit, nicht-zyklischer Konsum, Versorger.

Matthias Wirz, 07. September 2026