«trauern hilft»

Kind mit Trösterli*; Foto: Cornelia Biotti

Im nachfolgenden Interview mit Christine Kaufmann, der Präsidentin des in Basel gegründeten Vereins «trauern hilft», erfahren Sie mehr über ihre Motivation zur Gründung des Vereins sowie darüber, wie dieser heute aufgestellt ist und welche Zukunftsperspektiven bestehen.

 

Olaf Zehnder: Der Verein «trauern hilft» hatte seine Gründungsversammlung am 8. Dezember 2023. Wie kam es dazu?

C.K.: Mein Vater starb 1997 an ALS (Red.: Amyotrophe Lateralsklerose ist eine chronisch fortschreitende degenerative Erkrankung des Nervensystems), als ich 14 Jahre alt war. Damals gab es für meine zwei Schwestern und mich keine Trauerbegleitung. Unsere Mama wollte nur das Beste für uns, sie selbst bekam aber leider auch keine Unterstützung darin uns Kinder in der Trauer zu begleiten. Deshalb haben wir alle einfach irgendwie weitergemacht und funktioniert. Ich hatte schon sehr lange das Bedürfnis, an dieser unbefriedigenden Situation etwas zu ändern.

Olaf Zehnder: Das haben Sie nun geschafft und sind wohl voll beschäftigt mit dem Amt der Präsidentin. War es für Sie von Anfang an klar, dass Sie das Präsidium übernehmen würden?

C.K.: Da ich den Verein gegründet habe, war es irgendwie auch klar, dass ich die Verantwortung übernehme und an die Spitze stehen werde. Das mache ich sehr gerne und es freut mich jeden Tag wieder, wenn ich sehe, wie unser Projekt zum Laufen kommt.

Olaf Zehnder: Ihre berufliche Ausbildung fand jedoch in anderen Bereichen statt. Wie sah Ihr Werdegang aus?

C.K.: Ursprünglich machte ich eine Lehre als Hochbauzeichnerin, die mir aber nicht sehr behagte. Danach besuchte ich die Fachklasse für Gestaltung, die ich 2007 erfolgreich abschloss. Als Abschlussarbeit durfte ich ein Plakat für eine fiktive ALS-Vereinigung gestalten. Mit dieser Arbeit gewann ich im selben Jahr den Trafina Förderpreis, der mir den Start in meine Selbständigkeit ermöglichte.

Olaf Zehnder: Ein sehr schöner Erfolg, der Sie wohl beflügelt hat. Wie ging es danach weiter?

C.K.: Der ALS-Patient, mit dem ich für meine Abschlussarbeit in Kontakt war, meldete sich schon bald nach dem Abschluss bei mir und teilte mir mit, dass er eine ALS-Vereinigung gründen möchte und dafür gerne meine Gestaltung der prämierten Abschlussarbeit übernehmen würde. Dies war der Startschuss für den heutigen Verein ALS Schweiz und auch für mich als selbstständige Grafikerin, als die ich noch heute unter dem Namen NEKA Grafik tätig bin. Vor drei Jahren folgte ich meinem Herzen und begann die Ausbildung zur Familientrauerbegleiterin, die ich im Sommer 2023 erfolgreich abschloss. Seit Ende 2023 begleite ich nun auch Familien und Kinder in ihrer Trauer (www.familientrauerbegleiterin.ch).

Olaf Zehnder: Ihr Verein baut in der Region Nordwestschweiz eine Online-Plattform auf, die eine Orientierungshilfe für von Trauer betroffene Kinder, Jugendliche und ihre Familien sein soll. Welche sind dabei Ihre wichtigsten Ziele?

C.K.: Auf der einen Seite geht es um das Verständnis, wie Kinder trauern und was sie dabei brauchen. Auf der anderen Seite um die Sichtbarkeit und das Netzwerk.

Olaf Zehnder: Gerade wegen der Sichtbarkeit und dem Netzwerk fördern Sie den interdisziplinären Zusammenschluss. Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen?

C.K.: Die Online-Plattform «trauern hilft» ist für den Sommer 2027 geplant. Diese soll ab dann immer breiter bekannt werden. In Hospizen, Palliativzentren und Krankenhäusern sollen Merkblätter ausliegen, um den Angehörigen eine lange Suche nach Hilfe zu ersparen. Wir möchten aber auch unbedingt, dass Fachleute unter sich vernetzt werden, um so voneinander zu profitieren.

Christine Kaufmann hält ein gerahmtes Foto in der Hand, das sie als Kind auf dem Schoß ihres Vaters zeigt. Das Erinnern, so hat sie in ihrer Ausbildung gelernt, hilft dabei, die Liebe zur verstorbenen Person aufrechtzuerhalten und sie im Herzen zu bewahren.
Christine Kaufmann hält ein gerahmtes Foto in der Hand, das sie als Kind auf dem Schoß ihres Vaters zeigt. Das Erinnern, so hat sie in ihrer Ausbildung gelernt, hilft dabei, die Liebe zur verstorbenen Person aufrechtzuerhalten und sie im Herzen zu bewahren.

Olaf Zehnder: Das Thema der Kinder- und Jugendtrauer liegt Ihnen sehr am Herzen. Welches Alter schwebt Ihnen da vor?

C.K.: Das Alter spielt für uns keine Rolle. Es sollen unbedingt Angebote für alle Altersklassen aufgebaut und sichtbar gemacht werden. Was noch fehlt, sind Kinder- und Jugendtrauergruppen, die sich regelmässig treffen und sich so austauschen können. Solche Angebote gibt es in der Nordwestschweiz noch fast keine.

Olaf Zehnder: Ein Verein oder eine Organisation braucht auch Unterstützung. Wie kommen Sie an die benötigten Mittel?

C.K.: Wir haben private Gönner (Red.: die Gönnerbeiträge sind ab CHF 100 steuerbefreit), Stiftungen und Service-Clubs, die unsere Arbeit schätzen und uns tatkräftig unterstützen. Für die Umsetzung der Plattform sind wir aber auch auf Stiftungsgelder angewiesen, das Fundraising ist in vollem Gange.

Olaf Zehnder: Sie haben auch ehrenamtliche Helfer. Sind diese sonst noch beruflich tätig?

C.K.: Unsere ehrenamtlichen Helfer haben alle noch Teil- oder Vollzeitstellen. Sie sind uns vor allem in der Aufbauarbeit oder der Betreuung eine grosse Hilfe und werden jeweils situativ eingesetzt. 

Olaf Zehnder: Sie haben ein volles Programm und setzen sich sehr für andere Menschen ein. Finden Sie noch Zeit für sich oder für ein Hobby?

C.K.: Unbedingt. In der Trauerbegleitung sprechen wir von Trauerpausen und ich kann auch einmal «Nein» sagen, so ist es nicht. Als Ausgleich treibe ich regelmässig Sport und habe einen großen Freundeskreis, der mich auch tatkräftig unterstützt. Und das künstlerische Schaffen liegt mir immer noch sehr am Herzen.

Olaf Zehnder: Dann kehren Sie fast wieder zu Ihrem Ursprung zurück. Was machen Sie heute im künstlerischen Bereich?

C.K.: Ich habe immer wieder großen Spass an grafischen Arbeiten und zusammen mit einer guten Freundin habe ich das Label «byChristine» gegründet. Zusammen designen wir Schals, Mützen und Pulswärmer aus hochwertiger zertifizierter Merinowolle (www.bychristine.ch/). Auch das «Trösterli*» ist eine Eigenkreation, die Sie auf unserer Homepage (www.trauernhilft.ch/#trost) finden.

Olaf Zehnder: Was wäre denn Ihr größter Wunsch?

C.K.: Dass unser Projekt «Online-Plattform» finanziert und optimal umgesetzt werden kann. So dass möglichst alle Betroffenen Hilfe erhalten und wir langfristig genügend Mittel erhalten, um neue und wichtige Angebote für betroffene Kinder und Jugendliche schaffen zu können.

Olaf Zehnder: Frau Kaufmann, recht herzlichen Dank für Ihre wertvolle Zeit und weiterhin viel Energie, Hingabe und Geduld, um Ihre Ziele erreichen zu können.
C.K.: Herzlichen Dank!

Olaf Zehnder, 15. Dezember 2025