«Zentralbanken befinden sich in Wartestellung » Matthias Wirz

Verhandlungslösung in Sichtweite

  • Fundamentales Umfeld hat sich für Aktienanlagen verschlechtert
  • Konjunkturunabhängige Sektoren zu empfehlen
  • Immobilienfonds selektiv zukaufen
Matthias Wirz
«Zentralbanken befinden sich in Wartestellung » Matthias Wirz, Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner

Nachdem im Iran-Krieg zu Wochenbeginn erneute Angriffe von beiden Seiten die bereits eingetrübte Stimmung der Anleger weiter verschlechtert hatten, stellte wenig später US-Präsident Trump überraschend einen 15-Punkte-Plan vor, der ein Ende des Krieges einleiten soll. Der Iran hat mittlerweile auf den Plan reagiert, jedoch sogleich unerfüllbare Forderungen gestellt, wie etwa Reparationszahlungen, umfassende Garantien oder die absolute Kontrolle über die Strasse von Hormus. Gleichzeitig haben die USA das Ultimatum für eine dauerhafte Öffnung der Strasse von Hormus bis zum 6. April verlängert; andernfalls werde die Energieinfrastruktur Irans zerstört. 


Aktuelle Situation

Dennoch entspannte sich die Lage an den Kapitalmärkten nach diesen Nachrichten ein wenig: Nach einer wilden Achterbahnfahrt, die den Ölpreis zwischenzeitlich bis auf USD 120 getrieben hatte, notiert der Preis für die Ölsorte Brent noch immer auf hohen USD 109. In der Folge schwankte in den USA die Rendite der 10‑jährigen Staatsanleihe zwischen 4.25% und 4.45%, in Europa bewegte sich die entsprechende Bundesanleiherendite zwischen 2.95% und 3.10%. 

Die Aktienmärkte erholten sich leicht von ausverkauften Niveaus, notieren aber im Monatsvergleich noch immer tief im roten Bereich: Während die europäischen und asiatischen Aktienindizes rund 10% verloren, fielen die Verluste des Dow Jones und Nasdaq mit 6% bzw. 5.5% deutlich geringer aus. 

Auf dem Geldmarkt wurden für den Euroraum vorübergehend drei Leitzinserhöhungen der EZB von jeweils 0.25% bis Ende Jahr eingepreist, in den USA zumindest ein Zinsschritt von 0.25%. Für die Notenbanken stellt sich hierbei die Frage, wie sie mit dem energiepreisbedingten Teuerungsschub umgehen sollen. Wie so häufig in Zeiten maximal erhöhter Unsicherheit warten sie zunächst ab und lassen die Leitzinsen unverändert. Die Zentralbanken verfolgen damit eine Geldpolitik der «ruhigen Hand», die in der Vergangenheit mehrheitlich bessere Resultate erzielte als sprunghaftes Verhalten.

Zurzeit setzen die Notenbanken auf einen temporären Ölpreisschock und schauen gewissermassen durch die Energiekrise hindurch, die in wenigen Monaten bereits wieder Geschichte sein könnte. Da Zinsschritte erst mit mehrmonatiger Verzögerung (Time Lag) Wirkung auf Konjunktur und Teuerung entfalten, würden prozyklische Effekte auf eine bereits schwächelnde Wirtschaft und sinkende Inflationsrate treffen. Der hohe Ölpreis reduziert die Kaufkraft und folglich die Nachfrage der Konsumenten ohnehin. Gleichzeitig steigen die Produktionskosten in der Industrie, sodass das Wirtschaftswachstum rasch nachlässt und die Teuerungsrate automatisch sinkt – vorausgesetzt, private Haushalte und Unternehmen stufen den Teuerungsschub als einmalig und vorübergehend ein. Sollten sich hingegen dauerhaft höhere Inflationserwartungen einstellen, drohen Zweitrundeneffekte in Form steigender Verkaufspreise und Lohnforderungen. In diesem Fall könnten die Notenbanken mit einer restriktiveren Geldpolitik reagieren. 

Gegenwärtig besteht das Risiko, dass die Strasse von Hormus auf Dauer geschlossen bleibt und damit 20% der globalen Erdöl- und Erdgasproduktion ausfallen. Damit würde sich der Ölpreisschock zu einer schweren globalen Energiekrise verschärfen, sodass ein Stagflationsszenario ähnlich den 1970er-Jahren wahrscheinlicher würde. 

In unserem Hauptszenario teilen wir diesen pessimistischen Ausblick nicht. Es ist eher von einem kurzen Krieg auszugehen, da die ökonomischen Kosten auf beiden Seiten bereits heute enorm hoch sind. Gemäss John Nashs Spieltheorie scheint sich nun ein Gleichgewicht abzuzeichnen, da keine Partei ihre Strategie einseitig ändern möchte. Beide Seiten hätten dadurch keinen Vorteil. Frei übersetzt wird damit eine Verhandlungslösung wahrscheinlicher, wodurch weder Kraftwerke noch die Insel Charg oder die Ölindustrie der Golfstaaten weiter zerstört würden. 

Auf der Makro-Ebene hält sich die weltweite Konjunktur angesichts des Kriegs und hoher Energiepreise bisher erstaunlich gut: Die Einkaufsmanagerindizes (PMI) für den März sind weltweit besser als erwartet ausgefallen und haben seit Beginn der Irankrise überraschend wenig nachgegeben. Allerdings ist dafür hauptsächlich der Lageraufbau aus Sorge vor Lieferengpässen verantwortlich. Darüber hinaus sind die durchschnittlichen Lieferzeiten kräftig angestiegen und die Geschäftserwartungen wurden nach unten korrigiert. Demgemäss dürften sich die PMI-Werte in den kommenden Monaten verschlechtern.

In Deutschland hat sich das ifo-Geschäftsklima nach einem zwischenzeitlichen Anstieg im März aufgrund des Iran-Krieges erwartungsgemäss abgekühlt. Die Erwartungskomponente verzeichnete ihren sechststärksten Rückgang über sämtliche Sektoren hinweg. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob der milde zyklische Konjunkturaufschwung in Europa durch den Ölpreisschock zunichte gemacht wird.


Unsere Empfehlung

Gemäss unserem Hauptszenario sollte der Irankrieg in den nächsten Wochen dank einer Verhandlungslösung beendet werden. Dabei dürfte der Schaden für die Weltwirtschaft nur ein geringfügiges Ausmass annehmen und die Teuerungsrate vorübergehend ansteigen.

Das fundamentale Umfeld für risikobehaftete Anlagekategorien hat sich mit den hohen Energiepreisen eingetrübt, sodass die Gewinnerwartungen der Unternehmen – insbesondere in Europa und Asien – zeitnah nach unten revidiert werden. Demzufolge bevorzugen wir in den nächsten Monaten die konjunkturunabhängigen, defensiven Sektoren Gesundheit, Versorger und nicht-zyklischer Konsum, wie sie vor allem in der Schweiz vertreten sind. Darüber hinaus dürften auch US-Aktien mit ihrem hohen Anteil an Technologietiteln in den kommenden Monaten weniger von einer möglichen Korrektur betroffen sein.

Sollte sich in den nächsten Wochen die Risikoaversion an den Finanzmärkten verstärken und die Aktienmärkte infolgedessen kräftig korrigieren, drängt sich zudem ein Rebalancing auf (Wiederherstellung der ursprünglichen Aktienquote mittels Zukäufe).

Im Obligationenbereich empfehlen wir Anleihen mit kurzen bis mittelfristigen Laufzeiten. Das leicht höhere Zinsniveau reichte ausserdem aus, um die überteuerte Bewertung der kotierten Immobilienfonds zurückzuführen. Damit ergeben sich in diesem Bereich wieder selektiv Kaufgelegenheiten. 

Taktische Positionierung

Obligationen: Untergewichtung; 4 – 8-jährige Laufzeiten bevorzugen
Aktien: Leichte Übergewichtung; Schweiz bevorzugen, Rest der Welt neutral
Währungen: USD/CHF über 0.80 absichern; EUR/CHF über 0.94 absichern
Rohstoffe: Industriemetalle übergewichten
Edelmetalle: Gold übergewichten, Goldminenaktien attraktiv
Immobilien: Übergewichtung (Anlagestiftungen, Immobilienfonds)
Transaktionen: Aktien:-  ; Obligationen: -       
Sektoren: Übergewichtung Gesundheit, nicht-zyklischer Konsum, Versorger.

Matthias Wirz, 27. März 2026