«Steigende Anzahl Kreislaufgeschäfte im KI-Sektor.» Matthias Wirz
Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner
«Steigende Anzahl Kreislaufgeschäfte im KI-Sektor.» Matthias Wirz, Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner
Ungeachtet der laufenden Korrektur an den Aktienmärkten setzen sich im KI-Sektor die sogenannten «Kreislauf-Deals» fort. In der Berichtswoche kündigten Nvidia (NVDA) und Microsoft beispielsweise an, USD 10 Mrd. resp. USD 5 Mrd. in den KI-Entwickler Anthropic zu investieren, während Anthropic wiederum für USD 30 Mrd. Rechenleistung von Microsoft einkaufen wird. Einige Analysten bestätigten danach, dass solche Kreislaufgeschäfte zwar strategische Vorteile bieten, indem sie Herstellern und Anbietern langfristige Planungssicherheit geben und gleichzeitig Innovation ermöglichen. Andererseits hängt der langfristige Erfolg jedoch entscheidend von der nachhaltigen Marktentwicklung und Leistung der KI-Technologie ab. Möglicherweise werden sich deshalb die ambitionierten Umsatz- und Gewinnerwartungen des Sektors nie erreichen lassen, sodass die heutige Bewertung des Sektors deutlich zu hoch wäre.
Der überragende Quartalsausweis von NVDA widerspiegelt jedoch das hohe Wachstumspotential des KI-Sektors eindrücklich, sodass (vorerst) nicht von einer KI-Blase gesprochen werden kann. Tatsächlich hat NVDA die Erwartungen für das 3. Quartal mit einem Umsatz- und Gewinnwachstum von 62% resp. 60% im Vergleich zum Vorjahr deutlich übertroffen und die Aussichten für die kommenden Quartale nach oben revidiert. Der Aktienkurs schnellte in der Folge nachbörslich um über 5% empor, um danach jedoch alle Gewinne wieder preiszugeben.
NVDA-Chef Jensen Huang widerspricht vehement der These einer KI-Blasenbildung, wobei er betonte, dass viele Sektoren und Unternehmen erst am Beginn der Transformation durch KI stünden und folglich noch massiv mehr Rechenleistung benötigt wird. Huang rechnet mit jährlichen Investitionen in den Ausbau der KI-Infrastruktur bis zum Ende des Jahrzehnts von USD 3-5 Bio.! Dennoch ist die Börsenkapitalisierung von NVDA in Höhe von USD 4.6 Bio. – welche der aggregierten Marktkapitalisierung der 20 grössten europäischen Unternehmen entspricht (!) – zu hinterfragen. In Anbetracht des Gesetzes des abnehmenden Grenzertrags dürften die gegenwärtig eingepreisten Umsatz- und Gewinnwachstumsraten langfristig nicht Bestand haben. Darüber hinaus lastet auf dem Aktienkurs der hohe und steigende Bestand an Debitoren mit langen Zahlungsfristen, ein Anzeichen, dass eine zunehmende Anzahl an Kunden zu wenig Cashflow generiert, um ihren Verpflichtungen zeitnah nachzukommen.
Neben der Sorge um die Bewertung des Technologiesektors und ausbleibende Leitzinssenkungen des FED spiegelt die aktuelle Schwäche des amerikanischen Aktienmarkts auch die Aufregung um die auf Rekordstände angestiegenen Wertpapierkredite (Margin Debt) wider. Diese haben sich mit USD 1’184 Mrd. im Oktober um 45% im Jahresvergleich erhöht und sind gleichzeitig erheblich schneller angestiegen als der S&P 500. Demzufolge hat die Verschuldung der Investoren nicht nur absolut, sondern auch relativ erheblich zugenommen. In einer ausgeprägten Korrekturphase könnte sich dadurch der Verkaufsdruck infolge der ausgelösten Zwangsverkäufe (Margin Calls) beschleunigen und deshalb die Kursverluste vertiefen. Erste Anzeichen hierfür liefert der rapide Kurszerfall des Bitcoins, der offensichtlich mit viel «Leverage» der Anleger in die Höhe getrieben wurde und nun unter den genannten Margin Calls leidet.
Der aufgrund des Shutdowns verzögerte Arbeitsmarktbericht für September zeigte vordergründig eine Verbesserung mit einer Beschäftigungszunahme von 119'000 gegenüber einem Abbau von 4'000 im August. Obwohl sich dadurch der gleitende Durchschnitt über drei Monate von 18'000 auf 62'000 beschleunigte, gibt die Beschäftigung im Industriesektor Anlass zur Sorge. Diese sinkt mittlerweile seit über fünf Monaten in Folge, sodass das FED an der nächsten Sitzung vor einer Dilemma-Situation stehen wird: soll das FED die Leitzinsen erneut senken und damit die bereits überhöhte Teuerungsrate anfachen, oder soll es versuchen, am Arbeitsmarkt für maximale Beschäftigung zu sorgen, wie es auch sein gesetzlicher Auftrag darstellt?
Erste Hinweise auf die Handlungsweise des FED gab das Protokoll der letzten FED-Sitzung, an der eine klare Mehrheit der FOMC-Mitglieder zwar eine weitere Lockerung der Geldpolitik anstrebt, jedoch eine Mehrzahl eine erneute Zinssenkung schon am 10. Dezember in Frage stellt. Da ausserdem das Arbeitsamt den Arbeitsmarktbericht für Oktober ganz ausfallen und denjenigen für November erst am 16. Dezember veröffentlichen wird, fehlen dem FED an seiner Sitzung am 10. Dezember aktuelle Daten. Entsprechend wurde die am Markt eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung im Dezember auf nur noch knapp 30% reduziert.
Die Korrektur an den weltweiten Aktienmärkten erreicht trotz der hervorragenden Unternehmensberichte zum 3. Quartal mittlerweile 4.5%, gemessen am MSCI World. Es ist gleichwohl davon auszugehen, dass die weltweit expansive Geld- und Fiskalpolitik und das robuste Wirtschaftswachstum in den USA den weltweiten Aktienmärkten weiterhin eine solide Stütze geben werden. Zweistellige Gewinnwachstumsraten der amerikanischen Unternehmen und solide Margen von durchschnittlich über 10% bei gleichzeitig tiefen Zinsen unterstützen die am Kursgewinn/Verhältnis (KGV) von 24 historisch hoch bewerteten US-Märkte (S&P 500). Bereits mehrfach ist an dieser Stelle betont worden, dass der gleichgewichtete S&P 500, in dem Technologietitel deutlich weniger Gewicht ausweisen, mit einem KGV von 17.7 nur geringfügig überbewertet ist. Das gilt insbesondere dann, wenn das tiefe langfristige Zinsniveau berücksichtig wird, woraus eine Risikoprämie von 1.6% resultiert.
Die europäischen Märkte, insbesondere die Schweiz, sind mit einem KGV von 16 resp. 19 vergleichsweise günstig bewertet. Somit halten wir an der Übergewichtung der Aktienquote fest, und empfehlen vor allem Schweizer Titel, welche mittelfristig erhebliches Kurspotential ausweisen: Novartis, Roche, Nestlé, Swiss Life, Holcim, Richemont, ABB, UBS, Zurich Versicherung und Swiss Re.
Obligationen: Untergewichtung; 4 – 8-jährige Laufzeiten bevorzugen
Aktien: Leichte Übergewichtung; Schweiz und USA bevorzugen
Währungen: USD/CHF über 0.80 absichern; EUR/CHF über 0.94 absichern
Rohstoffe: Industriemetalle übergewichten und Energie untergewichten
Edelmetalle: Gold übergewichten, Goldminenaktien attraktiv
Immobilien: Übergewichtung (Anlagestiftungen, Immobilienfonds)
Transaktionen: Aktien:- ; Obligationen: -
Sektoren: Übergewichtung Technologie, nicht-zyklischer Konsum, Versorger.
Matthias Wirz, 24. November 2025