«Die 39%-Zölle könnten das Wirtschaftswachstum um bis zu 0.6% p.a. senken. » Matthias Wirz
Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner
«Die 39%-Zölle könnten das Wirtschaftswachstum um bis zu 0.6% p.a. senken. » Matthias Wirz, Leiter Anlagestrategie und Vermögensverwaltung, Partner
Die ab dem 7. August 2025 geltenden amerikanischen Zölle von 39% auf Schweizer Warenexporte stellen eine massive Belastung für die exportlastige schweizerische Wirtschaft dar, sofern diese langfristig bestehen bleiben. Davon betroffen sind vor allem diejenigen Unternehmen und Sektoren, welche in der Schweiz forschen, entwickeln und produzieren, sowie in die USA exportieren, ohne jedoch über einen dortigen Standort zu verfügen. Das sind namentlich kleinere Unternehmen in der Uhren-, Maschinen- und Metallindustrie. Von Zöllen ausgenommen sind indes der gesamte Dienstleistungssektor und vorerst auch die Pharmaindustrie.
Zölle sind ökonomisch nicht anders zu bewerten als (ausländische) Steuern, welche zu erheblichen Zusatzkosten für exportorientierte Unternehmen und entsprechenden Gewinneinbussen führen. Es dürfte für die meisten Unternehmen kaum möglich sein, die Zölle vollständig auf die Kunden zu überwälzen. Deshalb sind erhebliche Abschläge auf die Margen zu erwarten. Die vollständige Weitergabe gelingt allenfalls denjenigen Firmen, welche Produkte mit einer geringen Preiselastizität der Nachfrage exportieren (z.B. Luxusuhren, Präzisionsgeräte).
Darüber hinaus bewirken Zölle in diesem Fall einen deutlichen Wettbewerbsnachteil gegenüber der EU („nur“ 15% Zoll in die USA) und Großbritannien (10%), da Schweizer Produkte für amerikanische Kunden wesentlich teurer und damit weniger attraktiv werden. Damit droht der US-Markt für viele – insbesondere kleine – Unternehmen (KMU) im schlimmsten Fall wegzubrechen. Zusätzlich sind die KMU mit einer starken USD-Abwertung und einer weltweiten „Industrieflaute“ konfrontiert, welche die Gewinne bereits spürbar belasten.
Konsequenzen
Erste Schätzungen gehen – immer in Abhängigkeit der getroffenen Annahmen (u.a. Dauer der Zölle) - von einem negativen Einfluss auf die Schweizer Wirtschaftsleistung (BIP) zwischen 0.3% und 0.6% pro Jahr aus. Würde zudem der wichtige Pharmabereich, der knapp 60% aller Exporte in die USA ausmacht, auch mit Zöllen oder hohen Preisabschlägen für Medikamente belastet, dürften die Wachstumsverluste mindestens 0.7% p.a. erreichen (vgl. Gersbach, KOF/ETH, 08/2025). In den kommenden Monaten nimmt daher das Rezessionsrisiko in der Schweiz stark zu, da Lieferketten und Absatzmärkte kurzfristig nicht veränderbar sind. Dadurch drohen Marktaustritte kleinerer Unternehmen, Stellenabbau und ein starker Verlagerungsdruck der Produktion in andere Länder, vor allem in die EU.
Handlungsoptionen für die Schweiz und ihre Unternehmen:
Fortsetzung der Verhandlungen
Der Bundesrat führt weiterhin intensive Gespräche mit den USA, um die Zölle zu senken oder Ausnahmesektoren wie die Pharmaindustrie dauernd vor Zöllen zu bewahren. Dabei dürfte ein neues Angebot an die USA ausgearbeitet werden, um das Handelsdefizit zu reduzieren. Dieses könnte Flüssigasimporte, Abbau der Landwirtschaftszölle oder zusätzliche Rüstungsgüter umfassen.
Staatliche Unterstützung
Darunter fallen die Verlängerung der Kurzarbeitsentschädigung und finanzielle Entlastungen für betroffene Unternehmen. Damit können Unternehmen Zeit gewinnen, ihre Strukturen anzupassen. Hierbei stehen Sparmassnahmen, Senkung der Vorlaufkosten (Beschaffung), effiziente Betriebsabläufe und Automatisierung im Vordergrund.
Diversifizierung und Anpassung der Lieferketten:
Lokale Präsenz der Unternehmen in den Absatzmärkten, insbesondere in den USA, oder in andere Schlüsselmärkte. Die Lieferketten sind dadurch robuster aufgestellt.
Stärkung anderer Absatzmärkte:
Damit ist die Expansion in neue Märkte ausserhalb der USA gemeint, um die Abhängigkeit vom US-Markt zu verringern.
Die Aktienmärkte haben auf die nicht nur in der Schweiz, sondern auch weltweit ab dem 07.08.25 gültigen Zolltarife bisher mit erstaunlicher Resilienz reagiert. Obwohl eine grosse Anzahl Studien belegt, dass tarifäre Handelshemmnisse, wie zum Beispiel Zölle, das weltweite Wachstum einschränken, befinden sich die Aktienmärkte in den USA und Europa nahe an den historischen Höchstständen. Dies dürfte einerseits darauf zurückzuführen sein, dass die Finanzmärkte die Zölle bereits grösstenteils eingepreist haben. Die Unternehmen haben zudem nun Gewissheit über die Höhe der Zölle, wodurch sich deren Planungssicherheit verbessert.
Haupttreiber für die überaus robusten Aktienmärkte sind jedoch die voraussichtlich weiter fallenden Leitzinsen, welche längst auch die mittel- und langfristigen Zinsen ins Rutschen gebracht haben. Dadurch dürfte der negative Effekt abnehmender Gewinnwachstumsraten der Unternehmen auf den Barwert der Aktienbewertung mindestens teilweise kompensiert werden. Während der USD-Geldmarkt aufgrund der trendmässig sinkenden Teuerungsrate und der Abschwächung des Arbeitsmarktes in den nächsten 9 Monaten Zinssenkungen durch das FED von insgesamt 1% erwartet, liegen bei der EZB und SNB die entsprechenden Werte bei 0.25%
Nachdem die Übergewichtung der Aktienanlagen in den gemischten Portfolios Ende Juli auf Neutral reduziert und dadurch Gewinne mitgenommen wurden, sehen wir von einer weiteren Senkung der Aktienquote vorerst ab. Hierbei ist es jedoch eine Notwendigkeit, über alle Regionen und Sektoren breit diversifiziert zu sein. Gerade im US-Markt, deren Unternehmen kaum von den Zöllen betroffen sind, halten wir an der hohen Gewichtung des Technologiesektors (Nasdaq) trotz der anspruchsvollen Bewertung (KGV 29.8) fest. Der Nasdaq profitiert überdurchschnittlich stark von sinkenden Zinsen, vom KI-Thema und verzeichnet gleichzeitig hohe Gewinnwachstumsraten. Darüber hinaus sind weltweit die konjunkturunabhängigen Sektoren Nicht-zyklischer Konsum und Versorger zu bevorzugen.
Die Übergewichtung in Schweizer Aktien bleibt aufgrund der attraktiven Bewertung unverändert bestehen, wobei sich einige kleinere Anpassungen aufdrängen. Angesichts der Unsicherheiten bezüglich der von der Regierung Trump geforderten Senkung der Medikamentenpreise ist der Fokus vermehrt auf geringfügig oder nur indirekt von Zöllen betroffene Unternehmen zu legen und weniger auf die Index-Schwergewichte Roche und Novartis. Dabei stehen die Aktien der Versicherungskonzerne Swiss Re, Zurich Versicherung, Swiss Life, Baloise und Helvetia im Vordergrund, aber auch die UBS als weltweit tätiger Finanzdienstleister.
Zudem sind inlandsorientierte Konzerne wie BKW und Swisscom in diesem Umfeld hervorragende Alternativen. Daneben ist Nestlé nach dem Preisrückgang von über 20% seit Mitte März attraktiv bewertet und produziert ausserdem mehr als 90% der Produkte für den amerikanischen Markt vor Ort. Ähnliches gilt für Lindt & Sprüngli und Givaudan. Generell verfügt die Mehrzahl der in den Aktienindizes SMI und SMIM enthaltenen Unternehmen über mindestens einen Standort in den USA, wodurch eine lokale Produktion künftig möglich sein sollte. Das trifft hingegen für klein-kapitalisierte Unternehmen (Small Caps) nicht in jedem Fall zu, sodass deren Untergewichtung bestehen bleibt.
Obligationen: Untergewichtung; 4 – 8-jährige Laufzeiten bevorzugen
Aktien: Neutral-leichte Übergewichtung; Schweiz bevorzugen
Währungen: USD/CHF über 0.85 absichern; EUR/CHF über 0.95 absichern
Rohstoffe: Industriemetalle und Energie untergewichten
Edelmetalle: Gold übergewichten, Goldminenaktien attraktiv
Immobilien: Übergewichtung (Anlagestiftungen, Immobilienfonds)
Transaktionen: Aktien: ; Obligationen:
Sektoren: Übergewichtung Technologie, nicht-zyklischer Konsum, Versorger.
Matthias Wirz, 08. August 2025